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Traditionsklubs open.png

14. Apr. 2010, sueddeutsche.de


Kerker mit 20 Insassen

Kein Geld, keine Zuschauer, keine Übertragungen im Fernsehen: In der Regionalliga können sogenannte Traditionsklubs kaum existieren.

Am Stuttgarter Schlossplatz, mitten in der Innenstadt, haben sie gerade eine Ausstellung über den Fußball im Südwesten eröffnet. Der Titel - "Gefühle, wo man schwer beschreiben kann" - basiert auf einem Bonmot von Jürgen Klinsmann und dürfte Touristen aus Hannover oder Berlin vor Schreck zusammenzucken lassen. Der Stürmer hatte bei aller Freude über den EM-Sieg 1996 vergessen, dass das ein Satz ist, wo außerhalb vom Südwesten ein wenig merkwürdig klingt.

In der Stadionzeitung der Kickers haben sie der Ausstellung eine ganze Seite gewidmet, und das längst nicht nur, weil darin auch ein Plakat gezeigt wird, das für ihr Freundschaftsspiel gegen Real Madrid warb, 1963. Nein, Klinsmann haben sie hier oben in Degerlochs Höhen als einen der Ihren im Gedächtnis behalten. Als den bekanntesten unter vielen Fußball-Prominenten, die ihre Karriere hier gestartet haben. Wie Guido Buchwald, Karl Allgöwer, Fredi Bobic und all die anderen.

In der Ewigen Tabelle der zweiten Liga belegen die Kickers Platz drei, Darmstadt 98 Rang zwölf. An diesem Donnerstagabend treffen die beiden Traditionsklubs beim Nachholspiel der Regionalliga Süd aufeinander - vierte Liga ist das. Tom Eilers hat schon mal einen Blick ins Stadion geworfen. "Mau", sagt er, "keine zweitausend Zuschauer." Der Jurist berät das Darmstädter Präsidium.

Und wer seine ausladenden Hände sieht, kann sich nicht vorstellen, dass er sich früher als Zweitligakeeper überhaupt werfen musste, um an die Bälle zu kommen. Heute ist Darmstadt Vorletzter der Regionalliga Süd, am Ende der Saison wäre Eilers heilfroh über den Klassenerhalt. Dabei hält er diese Liga für ein Auslaufmodell: kaum Fernsehgeld, und gleich sieben U23-Mannschaften von Profivereinen (Nord: sechs, West: acht).

Teams wie Wehen-Wiesbaden II also, die weder in Wiesbaden noch in Darmstadt jemand sehen will. "Eine Ausbildungsliga mit Zweitmannschaften", stöhnt Eilers, "die Wahrnehmung der Regionalliga ist katastrophal." Nur einmal im Jahr, beim Lokalderby, empfinde er etwas, das ihm ansonsten bei den Heimspielen abgeht: "Wenn wir gegen Hessen Kassel spielen, hat man das Gefühl, wir sind beim Fußball."

Was ihm vorschwebt, ist eine zweigleisige vierte Liga ohne U23-Teams. Jeder hätte mehr Geld, die Begegnungen wären attraktiver. Ob er mit baldiger Realisierung seiner Pläne rechne? Eilers lächelt etwas säuerlich.

Auch Rüdiger Bartsch kostet es hörbar Mühe, höflich über die Liga zu sprechen. Bartsch ist Manager des 1.FC Magdeburg. Der Verein hat den 102-maligen Nationalspieler Joachim Streich und Jürgen Sparwasser hervorgebracht. Neben Dynamo Dresden war der FCM zu DDR-Zeiten der wohl populärste Verein. Auch deshalb berichtet der MDR ellenlang von den Spielen in der hochmodernen Magdeburger Arena, während andere dritte Programme die vierte Liga komplett ignorieren.

"Klar unterbezahlt" sei man mit den 90.000 Euro, die der DFB an Fernsehgeldern pro Regionalligist ausschüttet, findet Bartsch. Wer von der ersten in die zweite Liga absteige, bekomme statt zwölf Millionen Euro nur vier, also ein Drittel. Aber als Viertligist bekommen man nur ein Zehntel von einem Drittligisten. "Da kann ja etwas nicht stimmen."

Heimspiel vor 95 Fans

Dabei gibt es in den drei Regionalligen, die nach der Ligareform 2008 entstanden sind, haufenweise Klubs, die den FCM beneiden. Dafür, dass seine Spiele überhaupt im Fernsehen stattfinden. Und dafür, dass er in seiner Stadt noch nicht vergessen wurde. Bartsch begrüßt im Schnitt 6000 Zuschauer, Rot-Weiß Essen, das sich im September vom ehrgeizigen Sportmanager Thomas Strunz trennte, kommt im Westen auf ähnliche Zahlen. Auch der 1.FC Saarbrücken und Preußen Münster sind populär. Die meisten anderen Traditionsvereine wie Eintracht Trier, Waldhof Mannheim, der Hallesche FC oder der VfB Lübeck haben kaum mehr als 2.500 Zuschauer. Der FC Oberneuland, ein Klub aus einem Bremer Nobelvorort, begrüßte am vergangenen Wochenende 95 Fans.

Darüber können sich die Magdeburger Anhänger amüsieren, sportlich sind die Perspektiven an der Elbe jedoch nicht viel besser als im Bremer Umland. In der Regionalliga Nord beharken sich Teams aus neun Bundesländern, darunter viele Vertreter der einstigen DDR-Oberliga, der damals höchsten Spielklasse. Doch der FCM, Halle und Chemnitz fürchten, dass sie in der übernächsten Spielzeit viertklassig sind. Denn aus der fünften Liga drängt Red Bull Leipzig nach - der Klub plant mit sehr viel Geld den Marsch durch die Fußball-Institutionen.

Doch die Tristesse in der vierthöchsten Spielklasse hat längst nicht nur strukturelle Gründe. Die Viertklassigkeit ist vielerorts die Strafe für das, was unfähige Manager, überteuerte Spieler und jede Menge provinzieller Größenwahn gerade bei den Traditionsvereinen angerichtet haben - beim traditionsreichen SSV Ulm von 1846 etwa, der die erste Liga bis heute nicht verkraftet hat. Allerdings ist die Regionalliga ein Kerker mit 20 Gefangenen.

Und nur einer davon darf Jahr für Jahr auf Begnadigung hoffen. Aufgestiegen sind in den vergangenen Jahren meist Vereine wie Hoffenheim, Wehen Wiesbaden, Paderborn, Augsburg - Klubs, die einen wohlhabenden Gönner im Rücken wissen. Tabellenerster im Süden ist der VfR Aalen, ein Verein, der die Herzensangelegenheit eines reichen Schrotthändlers ist. Eine Spielklasse darüber, in der eingleisigen Dritten Liga, sind die Klagen hingegen leiser geworden: 825.000 Euro bekommen die Klubs (ausgenommen Zweitvertretungen der Erstligisten), die Sportschau überträgt jeden Samstag. Zwei, bei Gewinn des Relegationsspiels sogar drei Drittligisten steigen auf. Und es gibt nur vier U23-Teams von Profiklubs. In den drei Regionalligen sind es 21.

Ersatztorwart im Sturm

Dort geht derzeit vielen Klubs das Geld aus. Schon Ende Oktober meldete der Goslarer SC (Nord) erhebliche Finanzprobleme, Eintracht Bamberg bittet die Fans um Geld. Ähnlich desaströs ist die Lage beim Bonner SC (West), wo Präsident Tobias Kollmann, ein Wirtschaftsprofessor, sein Amt niedergelegt hat. "Die finanziellen Rahmenbedingungen erlauben es nicht, die gute Arbeit fortzuführen", zitiert ihn der Kicker.

Bereits im März waren die Spieler in einen Trainingsstreik getreten, weil sie zu lange auf die Gehälter warten mussten. Auch der einstige Zweitligist SSV Reutlingen hat die Segel gestrichen und hofft, dass das Insolvenzverfahren im Juni eröffnet wird. Im optimalen Fall darf man in der fünftklassigen Oberliga weiterkicken. "Der SSV brachte die meisten Zuschauer und die meisten Einnahmen. Die fallen jetzt weg", sagt der Geschäftsführer des SC Pfullendorf, Manfred Vobiller. Die Regionalliga sei nicht finanzierbar.

Auch bei TeBe Berlin, der Hans Rosenthal zu seinen Präsidenten und den Kabarettisten Wolfgang Neuss zu seinen Sympathisanten zählte, bangte Trainer Thomas Herbst bis zuletzt, ob das Derby gegen die zweite Mannschaft von Hertha BSC stattfinden könne. Die Spieler, die zum Teil seit Monaten kein Geld mehr bekommen haben sollen, hatten einen Boykott des Spiels erwogen. Unterstützt wurden sie dabei von Coach Thomas Herbst, der wusste, dass mancher Spieler seine Miete nicht mehr bezahlen konnte.

Weniger einfühlsam zeigte sich jedoch ein gewisser Werner Lorant, der kurz zuvor als (angeblich ehrenamtlicher) Sportdirektor installiert worden war: "Wer nicht will, soll zu Hause bleiben." Nach dem Spiel gab es dann wieder Geld für die Spieler, zumindest behauptet das der Verein. Doch offenbar war nicht jeder Akteur von der Wiederentdeckung der Zahlungsmoral überzeugt. Am vergangenen Samstag saßen gegen den Chemnitzer FC nur drei Spieler auf der Bank - in der Nachspielzeit wechselte Trainer Herbst Stürmer Florian Beil aus und brachte Timo Hampf. Zur Gaudi des Publikums debütierte der Ersatztorwart im Sturm.

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Bayer verfängt sich im Klischee, 7. März 2010, Spiegel Online


Mit der Niederlage in Nürnberg bestätigte Leverkusen ein fast vergessenes Vorurteil: Wenn es darauf ankommt, patzt das Team regelmäßig. Statt die Tabellenführung zurückzuerobern, verlor man gegen einen Abstiegskandidaten - jetzt müssen Spieler und Trainer die "Vizekusen"-Spötter widerlegen.

29 Minuten war die Partie schon alt, als die Nürnberger Fankurve erstmals ein Lied anstimmte, das seit Jahren zum Repertoire in 17 von 18 Bundesliga-Fanszenen gehört: "Ihr werdet nie deutscher Meister", ein Spottgesang auf die chronische Titellosigkeit von Bayer Leverkusen, schallte es durchs weite Rund. Kurz darauf hatte Bayer Leverkusen mit der Niederlage bei den wackeren Nürnbergern tatsächlich ein Klischee bestätigt, das man eigentlich für veraltet gehalten hatte. Dass Leverkusen zwar schönen Fußball spielt, aber immer dann versagt, wenn es darauf ankommt, die Früchte der eigenen Arbeit zu ernten.

Bayer 04 hätte am Ende des 25. Spieltages die Tabellenspitze belegen können, schließlich hatten die Bayern am Vortag beim 1. FC Köln gepatzt. Es wäre dazu allerdings ratsam gewesen, beim Aufsteiger 1. FC Nürnberg zu gewinnen. Stattdessen unterlag man 2:3 - verdient, wie nach dem Spiel fast alle Beteiligten fanden. "Wir haben den Nürnbergern viel zu viel Raum gelassen", ärgerte sich Stefan Kießling. Sein Team sei stabil genug, um sich wieder zu berappeln: "Bayern hat in dieser Spielzeit schon dreimal vorgelegt, und wir haben dreimal nachgelegt. Da lassen wir uns doch keine Krise einreden."
Auch Manager Rudi Völler wäre am liebsten allen Reportern an die Gurgel gesprungen, die aus der Niederlage mehr herauslesen wollten als eine Niederlage. "Wir haben die erste Halbzeit verschlafen und erst in der letzten halben Stunde gezeigt, was wir können." Ansonsten seien noch neun Partien zu spielen, die Saison also bei drei Punkten Rückstand auf die Bayern (und einem auf Schalke) längst nicht gelaufen. Man müsse eben demnächst wieder über 90 Minuten so spielen, wie in der Schlussphase im Fränkischen.

Heynckes analytisch, Bayers Innenverteidigung fahrlässig

Etwas analytischer ging Trainer Jupp Heynckes zu Werke, der eine eigene Mitschuld am Debakel nicht ausschließen wollte. Das Team müsse wieder zu sich selbst finden, forderte er, "wir müssen wieder wie Bayer 04 spielen, mit einem Schuss Risiko." Durch diese Direktive, so Heynckes nach dem Spiel, habe er sein Team vielleicht zu sehr nach vorne getrieben. "So darf man im Defensivverbund aber einfach nicht auftreten."

Tatsächlich war es schon grob fahrlässig, wie die Leverkusener Innenverteidigung die beiden Treffer durch Eric Maxim Choupo-Moting (43./45.) ermöglichte. Bei punktgenauen Pässen spricht man ja seit einiger Zeit gerne von einem Ball "in die Schnittstelle der Abwehr". Was sich beim zweiten Treffer in der Leverkusener Defensive auftat, war jedoch keine Schnittstelle, sondern eine klaffende Wunde. Keeper René Adler dürften die Schlampereien seiner Vorderleute besonders geärgert haben - der DFB hatte Torwarttrainer Andreas Köpke an seine alte Wirkungsstätte beordert. Prompt ließ sich auch Adler von den Schlampigkeiten anstecken. Beim dritten Nürnberger Treffer (Tavares, 55.) reagierte er doch ein wenig zu gemächlich.

Auch andere Leverkusener Korsettstangen gönnten sich in Nürnberg eine Auszeit vom Topniveau. Sami Hyypiä, ansonsten einer der Bundesligaspieler mit der geringsten Fehlerquote, hatte nicht nur einen Aussetzer. Artur Vidal, dessen Spiel an guten Tagen eine Augenweide ist, misslangen einfachste Abspiele. Überhaupt machten die Rheinländer in der ersten Hälfte durch auffallend viele Fouls auf sich aufmerksam, die meisten davon harmlos. Doch als Stefan Reinartz mit gestrecktem Bein in den Nürnberger Innenverteidiger Breno fuhr, war er mit der Gelben Karte weit besser bedient als der Brasilianer, der bei der brutalen Aktion möglicherweise einen Kreuzbandriss erlitt. Selbstverständlich haben auch Schalke 04 und vor allem Bayern München - erinnert sei an das großartige Spiel gegen Juventus Turin in der Champions League - in dieser Saison schon meisterwürdige Leistungen gezeigt. Doch es gibt wohl nicht viele Fußballfreunde, die bestreiten würden, dass Leverkusen das Team ist, das über die gesamte bisherige Saison gesehen, spielerisch am meisten überzeugte. Und nicht nur das: Seit Jupp Heynckes, der ebenso erfahrene wie lernfähige Fußball-Fachmann, das Steuer übernahm, schien zur spielerischen Klasse eine neuartige mentale Stabilität hinzuzukommen. Bis zu dem merkwürdig blutleeren Auftritt am Sonntagnachmittag hatte man geglaubt, Bayer habe in dieser Saison endlich seine geradezu sprichwörtliche Labilität abgelegt.

Wer am Sonntag Stefan Kießling und mach anderen Leverkusener Spieler beobachtete, hat zumindest einen neuartigen Trotz kennengelernt. Sie wollen sie nicht mehr hören, die abgewetzten Lieder und die schalen "Vizekusen"-Witzeleien. Noch haben sie es in der Hand, sie zum Verstummen zu bringen. Vorausgesetzt, Bayern und Schalke lassen sich auch noch mal von einem vermeintlichen Underdog aufs Glatteis führen.

Körperspannung eines Badegastes open.png

Mainz in Freiburg, 22. März 2010, FR-online.de


Nach zehn Minuten wurde es laut im Freiburger Stadion - noch lauter als man das nach einem Führungstreffer in einem wichtigen Spiel erwarten muss. Gerade hatte Johannes Flum aus 25 Metern getroffen. Zweieinhalb Stunden später feierten die SC-Fans ihre Lieblinge, als hätten die sich gerade für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert. Auch die Mainzer Spieler tappten frohgemut zu ihren Anhängern, die sich so gut gelaunt gaben wie man das dem Anhang der Rheinhessen seit jeher nachsagt.

Tatsächlich hatten beide Seiten nach dem 1:0 Sieg des Freiburger Grund zur Freude. Der SC, weil er nun nach Punkten wieder zum Relegationsplatz aufgeschlossen hat. Und Mainz 05, weil es ja stimmt, was ihm Freiburgs Coach Robin Dutt attestierte: "Kompliment für eine außer-außergewöhnliche Saison. Der Erfolg ist kein Zufallsprodukt." Die Mannschaft spiele taktisch hervorragend und beeindrucke auch fußballerisch. Doch so sehr das für den bisherigen Saisonverlauf zutreffen mag - am Samstag nahm sich der FSV über weite Strecken der Partie eine Auszeit. "Die Frische fehlte", befand Coach Thomas Tuchel. "Die haben uns von Beginn an aggressiv angelaufen", assistierte Keeper Heinz Müller, "man hat gemerkt, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen."

Gerade einen Heimsieg hatten die Freiburger bis dahin zustande gebracht, drei mickrige Unentschieden - in zwölf Heimspielen. Mit solch einer Bilanz kann man eigentlich Mitte März schon beruhigt für die Spiele gegen Fürth und Paderborn planen. Doch spätestens, als 26 Minuten später die 1:0-Führung des VfB Stuttgart gegen Hannover über die Anzeigentafel flimmerte, war klar: Der 27. Spieltag würde so wichtig werden, wie das Trainer Robin Dutt vor dem Spiel prophezeit hatte.

Die Freiburger hatten allerdings das Glück, dass ihr Gegner mindestens eine Halbzeit lang mit der Körperspannung eines Badegastes im Whirlpool spielte. Mit dem Abstieg hat das Team seit längerem nichts mehr zu tun. Und dass man schon reif für den internationalen Wettbewerb sei, glaubt selbst beim Aufsteiger kaum einer. Eine Entschuldigung für die schlampigen Abspiele, die das Mainzer Mittelfeld dutzendfach anbot, darf das allerdings nicht sein. Als Innenverteidiger Bo Svensson Mitte der ersten Hälfte Eugen Polanski herzhaft anschrie, hätte er sich auch dessen Kollegen Andreas Ivanschitz oder Miroslav Karhan zur Brust nehmen können: Alle drei nahmen recht gleichgültig hin, dass sich die Gastgeber immer wieder ungeniert dem Mainzer Strafraum nähern konnten. Erst als zur Halbzeit André Schürrle in die Partie kam, wurde es einmal gefährlich für Freiburgs Keeper Simon Pouplin (53.), ansonsten hatte der SC die Partie weitgehend im Griff: "Die hatten eine Aktion", rechnete Freiburgs französischer Keeper vor, "wir hatten vier, fünf, sechs..."

Natürlich kann man diese Zahlenspiele auch umdrehen. Man müsste sich dann wohl fragen, ob es nicht erschreckend ist, wie fahrlässig in der Schlussphase Chancen versiebt wurden. Doch solche Fragen stellt niemand, wenn zuvor zwölf Spiele am Stück nicht gewonnen wurden, die fußballerischen Selbstzweifel Woche für Woche drängender werden, und draußen die Anhänger das Team feiern, als ob es sich gerade für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert hätte. "Jetzt sieht es wieder so aus, als ob fünf, sechs Mannschaften den Abstieg unter sich ausmachen", freute sich Dutt. Mainz 05 gehört nicht dazu, weshalb Tuchel schnell den Blick für das große Ganze wiederfand: "Die Weiterentwicklung der Mannschaft läuft nur über Niederlagen."

Brandstifter in der Bannmeile open.png

Gewaltbereite Fußballfans, 15. März 2010, taz


Das Gros der deutschen Ultras ist friedlich, doch wie der Ausbruch der Gewalt in Berlin zeigt, findet an den Rändern der Szene eine zunehmende Radikalisierung statt.

Mitte der ersten Halbzeit wurde in der Südkurve der Münchner Arena ein Transparent hochgehalten, wie man es in deutschen Fankurven oft liest: "Gegen Bannmeilen für Kutten, Hools und Ultras", war darauf zu lesen. Der Zeitpunkt für diese Forderung hätte besser sein können. Gerade einmal eineinhalb Stunden zuvor hatten sich im Berliner Olympiastadion Szenen abgespielt, die den Druck auf die Ultra-Szene bundesweit verschärfen dürften. Mitten in einem WM-Stadion hatten Spieler, Funktionäre und Ordner nach dem Schlusspfiff panisch in die Katakomben fliehen müssen, weil ein mit Stangen bewaffneter Mob das Spielfeld stürmte. Dass die Forderung, solche Szenen künftig mit allen Mitteln zu verhindern, seit Samstagnachmittag deutschlandweit populärer ist als Günther Jauch, kann eigentlich niemanden wundern. Zumal der Gewaltexzess aus der Hauptstadt nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung ist, die Funktionäre und Fanaktivisten zugleich erschreckt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da grenzten sich die Ultras von jeglicher Gewalt ab. Bis vor ein paar Jahren war das mehr als eine Schutzbehauptung. Heute hat sich das grundlegend geändert. Das Gros der deutschen Ultras ist nach wie vor friedlich. Doch die zunehmende Gewalt an Spieltagen geht fast ausschließlich auf das Konto der Szene. Spätestens Ende der 90er-Jahre hatten die Ultras in fast allen deutschen Stadien die Regie in den Fankurven übernommen. Man entwarf eigene Fanartikel, bastelte Choreografien für den Spieltag und dichtete eigene Lieder. Noch heute wirkt die Szene so attraktiv, dass sich viele junge Fans nach einem ersten Stadionbesuch den Ultras anschließen. Langjährige Dauerkartenbesitzer hingegen wunderten sich schon damals, dass die meisten der angeblich kompromisslosesten Fans des Vereins nicht viel über das Spielgeschehen berichten können, weil sie beim Fußball der Fußball weniger interessiert als das Geschehen in den Kurven. Die Ultra-Kultur unterscheidet sich fundamental von althergebrachten Gepflogenheiten in der Kurve. Und das auch positiv: Viele Ultra-Gruppierungen sprechen sich gegen minderheitenfeindliche Slogans aus, an vielen Orten geht es ziviler zu als noch vor einem Jahrzehnt.

Und dennoch: Die Zeiten, in denen Ultras vor allem positiv wahrgenommen wurden, sind vorbei. Dass gegnerischen Anhängern die Schals gewaltsam abgenommen werden, ist vielerorts zum Ritual geworden. Immer öfter werden Züge überfallen, in denen Fans anderer Vereine zu den Spielen anreisen. Ende November verabredeten sich Dortmunder und Schalker Ultras, um sich beim A-Jugend-Derby zu prügeln - das Spiel wurde abgebrochen. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit schlugen sich Ende Januar in Nürnberg 50 Frankfurter Ultras mit ihren Kontrahenten - mitten in einem Bundesligastadion. Erst nachdem sie aufeinandergeprallt waren, konnten Ordner und Polizei die Lager trennen.

Die Wahrnehmung der Ultras ist eine andere. Für sie hat die Polizei die Verrohung der Sitten herbeigeführt. Vereinzelte Gewaltexzesse durch Spezialeinheiten - am Rande des Pokalspiels beim FC Bayern wurden zahlreiche friedliche Fürther Anhänger verletzt - bestärken die Ultras in ihrer Auffassung. Tatsächlich tendiert die Aufklärungsquote bei internen Ermittlungen der Polizei gegen null, der Corpsgeist scheint dort genauso stark ausgeprägt zu sein wie bei den Ultras.

Ende Februar überfielen Frankfurter Ultras das Karlsruher Fanprojekt - es gab mehrere Verletzte. Die sozialarbeiterisch tätige Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) warnte daraufhin ungewohnt deutlich vor einer weiteren Eskalation: "Ganze Gruppen bzw. ganze Ultra-Szenen sind dazu bereit, Grenzen zu überschreiten", heißt es. Die BAG, die sich bislang auch als Ansprechpartner für die Ultras begriff, will klären, ob auf der anderen Seite noch Dialogbereitschaft besteht.

Viele Vereinsvertreter halten diese Frage für beantwortet. Nachdem Nürnberger Ultras beim Spiel in Bochum Magnesiumpulver entzündeten - durch die bis zu 3.000 Grad heiße Substanz verletzten sich neun Ultras (drei davon schwer) -, reagierte der Verein umgehend. Wer den FCN begleiten will, bekommt die Tickets künftig nur noch gegen Vorlage des Personalausweises. Ein Eingriff in den Datenschutz, unter dem künftig alle Nürnberg-Anhänger leiden werden. Beim Sieg gegen Leverkusen hatten Nürnberger Fans gegenüber der Ultra-Kurve ein Transparent angebracht. "Ihr seid nur Brandstifter, keine Club-Fans."

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Die Republik empört sich über eine Plastikflasche. Warum eigentlich?, Apr. 2010, RUND


Eines vorweg: Es ist wunderbar, dass die meisten Menschen gelassener auf Beleidigungen reagieren, als Paolo Guerrero das getan hat. Wäre dem nicht so, wären wohl alle Straßen von Föhr bis Altötting so von Glasscherben und zerdetschten Plastikflaschen gesäumt wie früher die Reeperbahn nachts um halb eins.

Um genau das zu dokumentieren, hat der HSV eine Geldstrafe für seinen Stürmer ausgesprochen. Wer schon einmal erlebt hat, wie erbittert hochbezahlte Profis um einige hundert Euro Gage für die Autogrammstunde bei der Baumarkt-Eröffnung feilschen, weiß, dass die angeblichen 50.000 bis 100.000 Euro dem Spieler richtig wehtun. Der HSV hat also alles richtig gemacht.

Es wäre schön, wenn man das von uns Medienheinis auch sagen könnte. Kann man aber nicht. Rand-Erscheinungen, wie sie noch vor 10 Jahren konsequenterweise allenfalls eine Rand-Notiz wert gewesen wären, bestimmen auch in seriösen Blättern über Tage die Berichterstattung. Wichtig ist eben nicht mehr auf dem Platz – zumindest nicht für viele Sportressorts. Lehmann reist nicht im Mannschaftsbus ab, Podolski ohrfeigt Ballack, Guerrero wirft eine Plastikflasche. Kann man das alles nicht geflissentlich dem „people“-Ressort überlassen? Offenbar nicht, also wird in jede Banalität zeilenweise Bedeutung hineininterpretiert. Eine Plastikflasche wird dann folgerichtig zum Symptom einer tiefgreifenden HSV-Krise. Beim Überbietungswettbewerb der medialen Straffindung hätte zu Beginn der Woche auch in liberalen Medien nicht mehr viel bis zur Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe gefehlt.

Merkwürdig auch, dass bei all der Empörung über den unerzogenen 26-Jährigen merkwürdig viel Verständnis für den verbalen Amoklauf des getroffenen Fans mitschwingt. Da wird einfühlsam vom „eingefleischten“ HSV-Fan geschrieben. Als seien Leute, die im Hassdelirium „Hurensohn“, Wichser“ und wohl auch „Schwuchtel“ brüllen, nicht einfach nur eingefleischte Idioten. Würde der eingefleischte HSV-Fan eigentlich seine Kinder „Wichser“ nennen oder seinen Nachbarn „Hurensohn“? Würde er seinem Chef sagen, er solle sich doch nach Lüneburg verpissen? Natürlich nicht. Die bürgerliche Fassade wird nur samstags gelüftet. Im Fußballstadion, dieser riesigen Bühne für Neurotiker.

Und wie hunderttausende andere Fans sehnt sich offenbar auch unser HSV-Freund nach den guten alten Zeiten, als in München die Schwarzenbecks, in Bochum die Lamecks und beim HSV die Seelers spielten. Weshalb er ebenfalls herausblökte, Guerrero möge „zurück nach Peru.“ Mit Rassismus hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Nur mit viel kindlichem Blut-und-Bodensatz, der im Fußball gemeinhin als „Nostalgie“ verklärt wird. Schon grotesk, dass Menschen, die im Gegensatz zu ihren Vorfahren im Urlaub längst nicht mehr an ein frostiges Ostseebad, sondern nach Indonesien oder Namibia fliegen, ausgerechnet im Fußball eine Welt suchen, die der Globalisierung trotzt. Wenn der Nachwuchsspieler aus dem Hamburger Vorort allerdings wider Erwarten doch nur ein Vorortspieler und kein Ronaldo ist, ist der Trainer Schuld. So ist Fußball. Schön blöd.

Als Zuschauer darf man eben offenbar alles – es sei denn, man hat sich ein Stehplatzticket gekauft, dann gilt man als möglicher Krimineller. Dem Fan, der Eintritt zahlt, geben Funktionäre und Medienleute ansonsten immer Recht. Auch wenn das so populistisch ist wie bei den Politikern, die immer genau wissen, was „die Menschen da draußen“ so empfinden. Kein Wunder, dass die dermaßen gebauchpinselten Konsumenten so gerne laut kundtun, dass sie „die Schnauze voll“ haben, „euch kämpfen sehen“ wollen, oder eben alle „schwule Söldner“ seien. Im maximalen Zirkus Fußballbundesliga senkt das Volk gerne den Daumen. Ein ehemaliger taz-Autor aus dem sonnigen Freiburg hat diese Geisteshaltung einmal „Arbeitgebermentalität“ getauft. Harte Worte – aber keinen Deut zu hart.

Die Haupttribüne klatscht open.png

Über die Rückkehr von Schiedrichter Kempter, 12. Apr. 2010, sueddeutsche.de


Im Schutz des DFB kehrt Referee Michael Kempter in der dritten Liga auf den Rasen zurück. Befürchtete Pöbeleien bleiben aus, doch der Schatten der Amerell-Affäre begleitet ihn.

Für den SV Sandhausen ist Besuch aus Dresden, Osnabrück oder Offenbach ein freudiges Ereignis. Das Vereinsheim des Klubs, der sich im Schatten der 25 Kilometer entfernten TSG Hoffenheim eine Nische einzurichten versucht, bietet an Spieltagen ein wechselndes Tagesgericht an, das auch den Gäste-Fans schmecken soll. Gegen Holstein Kiel stand am Samstag Mittag Fischgulasch auf der Speisekarte. In der dritten Liga gibt es also weiß Gott ungastlichere Orte als Sandhausen. Zumal es sich bei den Anhängern des Drittligisten um das Familienpublikum handelt, das an proletarischeren Standorten erst noch mühsam geworben werden muss.

Ortskundige wunderte es deshalb auch nicht, dass das 14.000-Einwohner- Städtchen für das Comeback von Schiedsrichter Michael Kempter ausgewählt worden war, nachdem dessen Psychologe befunden hatte, ein Einsatz sei nun genau das Richtige für "den jungen Mann" (DFB-Präsident Theo Zwanziger). Als der 27-Jährige nach 92 Minuten Nettospielzeit abpfiff und mit seinen Assistenten zur Kabine schritt, klatschte die Haupttribüne im Hardtwaldstadion. Den Test, wie das deutsche Fußballpublikum reagieren würde, nachdem so viel Privates öffentlich wurde in der - juristisch noch völlig ungeklärten - Affäre mit Manfred Amerell, dem Kempter sexuelle Nötigung vorwirft, hat das Publikum in der Kurpfalz bestanden. Pöbeleien blieben aus, die befragten Zuschauer bekundeten jedenfalls, wie "tolerant" und "liberal" sie seien.

Es schloss sich eine so genannte Presserunde an, bei der die Presse keine Fragen stellen durfte. Kempter betonte, wie sehr ihn der wohlwollende Empfang gefreut habe. Auch die Spieler hätten sich für seine Leistung bedankt, erzählte Kempter nach einer von zwei abgesprochenen Fragen, die der Stadionsprecher nach Rücksprache mit dem DFB formuliert hatte. So läuft moderne Öffentlichkeitsarbeit.

Erst Freitagmittag war bekannt geworden, dass Kempter tags darauf wieder ein Pflichtspiel leiten würde. Das sei keine außergewöhnlich kurzfristige Ansetzung, behauptete DFB-Emissär Stephan Brause vor Ort. Um Wettmanipulationen zu erschweren, setze man die Referees so kurzfristig an. Kempter, so Brause, habe man geraten, vor dem Spiel freundlich, aber wortlos an den Journalisten vorbeizugehen. Es war eigens ein schwer tätowierter Bodyguard engagiert worden - aus Angst vor möglichen Übergriffen. Sogar die Vorstellung, dass Manfred Amerell persönlich vorstellig werden könnte, hielt man beim DFB offenbar nicht für abwegig. Beides trat nicht ein. "Heute waren mehr Kamerateams als Fans da", sagte Stürmer Régis Dorn hernach, "das war das Außergewöhnliche."

Auch fachlich gesehen hätte sich der Referee kaum eine dankbarere Partie wünschen können. Das Spiel verlief in bescheidenem Tempo; dennoch musste Kempter oft einhaken. Dabei bewies er Überblick: Die fünf gelben Karten waren unvermeidlich. Wo die Vorteilregelung angewandt werden konnte, machte er von ihr - bis auf eine Ausnahme in der Schlussphase - Gebrauch.

Auch, als nach Seitenwechsel der Unmut über das mit zahlreichen ehemaligen Bundesligaspielern (Roberto Pinto, Régis Dorn, Matias Cenci) besetzte Heimteam hochkochte, blieb Kempter souverän - allerdings hatte seine Karriere ja auch nicht aus fachlichen Gründen geruht.

"Ich hoffe, dass er noch oft dritte Liga pfeift", flachste Kiels Trainer Christian Wück nach dem 1:1-Endstand, der seiner Elf kaum noch Chancen auf den Klassenerhalt lässt. Er wollte das als Kompliment verstanden wissen: "Kempter hat gezeigt, dass er nichts in der Liga zu suchen hat, sondern die Qualität für die erste Liga hat." Dort möchte Kempter bald wieder pfeifen. "Topfit" sei er und wolle den Blick "nicht nach hinten richten". Die vergangenen Monate seien "nicht so interessant gewesen", er könne "nur meine Leistung anbieten und hoffen, dass die wieder nachgefragt wird". Doch das dürfte sehr davon abhängen, zu welchem Urteil die Richter kommen werden, die in der Causa Amerell/Kempter befinden müssen, wer gelogen und wer die Wahrheit gesagt hat.

Kampf um den Fußball (PDF)

Kampf um den Fußball, Stern, Januar 2010


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Über rechte Gewalt im Leipziger Fußball, 27.10.2009, Süddeutsche Zeitung


Seit Jahren schüren Rechtsextremisten auf den Fußballplätzen im Leipziger Umland ein Klima der Angst - auch deshalb, weil Behörden und Vereine das Problem offenbar unterschätzen.

Bezirksligaspiele sind eigentlich beschauliche Veranstaltungen. Ältere Herren beobachten ihre Schwiegersöhne beim Kicken, nach dem Spiel wartet auf die Spieler oft das gemeinsame Bier in der Vereinsgastsstätte. Doch in Leipzig und Umgebung kann man von solch idyllischen Zuständen nur träumen. Wenn der "Rote Stern Leipzig" (RSL), ein aus dem alternativen Stadtteil Connewitz stammender Klub, seine Auswärtsspiele bestreitet, ruft das die lokale rechte Szene auf den Plan: "Zehn bis 15 Neonazis waren bislang bei so gut wie allen unseren Auswärtsspielen im Umland", berichtet ein Fan, der seine Mannschaft auch am Samstag in ein etwa 20 Kilometer östlich von Leipzig gelegenes Städtchen begleitete.

Das Spiel beim FSV Brandis war noch keine zwei Minuten angepfiffen, als 60 Neonazis durch einen Seiteneingang ins Stadion stürmten und die etwa 150 Gästefans angriffen. Binnen kurzem tobte auf dem Spielfeld eine Schlägerei, bei der Flaschen, Eisenstangen und Holzlatten zum Einsatz kamen. Auch Spieler und Offizielle wurden angegriffen, drei RSL-Fans wurden schwer verletzt. Der Schiedsrichter hatte das Spiel zu diesem Zeitpunkt längst abgebrochen.

Als nach gut einer Viertelstunde weitere Polizeikräfte anrückten, waren die Neonazis nach Angaben der RSL-Fans bereits in die Flucht geschlagen. Das gelang auch deshalb, weil zum Spiel in Brandis weit mehr Fans als üblich angereist waren. In der linken Szene Leipzigs kursierten bereits Wochen zuvor Hinweise auf einen drohenden Angriff der Rechten an diesem Tag. "Komisch", so ein RSL-Fan, "ausgerechnet dort, wo die Buschtrommeln unüberhörbar getrommelt haben, waren so gut wie keine Beamten da". Michael Hille von der Polizeidirektion Westsachsen sagt, es habe keine konkreten Hinweise gegeben: "Selbstverständlich reagieren wir, wenn es Hinweise auf geplante Straftaten gibt."

Strategischer Überfall

Offenbar hatte man auch beim ausrichtenden Verein schon vor Anpfiff geahnt, dass das Spiel gestört werden würde. Nach Angaben der RSL-Fans sei man per Stadionlautsprecher aufgefordert worden, eine Geradenseite zu räumen, weil "die Dummen noch kommen". Dass die dann tatsächlich kamen, lag auch an der Mithilfe eines Ordners, der den außerhalb wartenden Neonazis einen separaten Eingang geöffnet hat, wie FSV-Verantwortliche einräumen. Dass es sich bei dem Mann selbst um einen Rechtsextremen handelt, war dem FSV nach Informationen der Leipziger Volkszeitung bekannt. Beim Verein hatte man offenbar geglaubt, der Mann würde seine Pflichten als Ordner ernster nehmen als seine politischen Loyalitätszwänge. Wes Geistes Kind die Angreifer waren, ist unstrittig, auch die Polizei spricht in einer Pressemitteilung von "Personen aus dem rechten Spektrum".

Beim "Roten Stern" konkretisiert man: "Das war eine Mischung aus rechten Hools und einschlägig bekannten Neonazis aus dem Muldentalkreis." Die Gegend um die Kleinstadt Wurzen gilt als Hochburg der Rechtsextremen. Die Szene versucht seit Jahren, im Leipziger Umland ein Klima der Angst zu schüren, in dem politisch Andersdenkende sich nicht mehr getrauen, dem Hegemonialstreben der Rechten etwas entgegenzusetzen. Fachpolitiker von Linkspartei und Grünen gehen auch deshalb von einem strategisch geplanten Überfall aus.

Die Angegriffenen haben Anzeige erstattet - gegen unbekannt. Sobald klar sei, dass ein neues Zeugenschutzprogramm ihre Anonymität gewährleiste, wollen sie auch Namen nennen. In Leipzig ist es immer wieder zu Racheakten (sogenannten Hausbesuchen) durch rechte Fußballfans gekommen, wenn Personen aus dem linken Spektrum gegen sie ausgesagt haben.

Die drei schwerverletzten RSL-Fans haben offenbar Glück im Unglück gehabt. Noch am Sonntag hatte es so ausgesehen, als könne ein reglos am Boden liegen gebliebener Fan für immer erblindet sein. Den Ärzten gelang es jedoch, nachdem sein Jochbeinbruch abgeschwollen war, sein Augenlicht zu retten.

Auslandsreportage - „OM wird uns alle überleben" open.png

Reportage Olympique Marseille, RUND


Olympique Marseille ist der beliebteste Klub Frankreichs. In Marseille ist die Verehrung von OM die Voraussetzung, um in der Stadt geduldet zu werden. Doch wenn die Mafia die Aufstellung diktiert oder das Team schlecht spielt, schlägt die Liebe um: Mancher Spieler hat das Trainingsgelände schon im Kofferraum verlassen.

Nicht auszudenken, was das Trommelfell mitmachen müsste, wenn dieses Tollhaus auch noch überdacht wäre. Doch auch unter freiem Himmel vergeht Thomas Deruda Hören und Sehen. Nach fünf Sekunden erhält die Nummer 18 von OM zum ersten Mal den Ball, bei jedem Ballkontakt gellt von nun an ein schrilles Pfeifkonzert von den Rängen. Deruda muss am nächsten Tag eine Pressekonferenz geben, um die Fans zu besänftigen. Er sagt, dass er schon als Kind OM verehrt habe. Es wird ihm nichts nützen. Das Stade Vélodrome hat zu deutlich den Daumen gesenkt. Die 47.000 Zuschauer stehen auch heute gegen Valenciennes bedingungslos hinter ihrem Team. Es sei denn, es hat sich ein Spieler wie Thomas Deruda hineingeschlichen. Dessen Vater hat sich für den Geschmack der Fans ein wenig zu intensiv um die Karriere seines Sohnes gekümmert. Im Juli veröffentlichte „Equipe Magazine“ eine gut recherchierte Story über den Einfluss des kriminellen Milieus auf die Klubführung. Hauptbeschuldigter: Richard Deruda, der Vater von Thomas, den ein Lokaljournalist als „sehr gefährlichen Kleingangster“ bezeichnet. Deruda habe eines Abends an der Tür des damaligen Trainers Jean Fernández geklingelt und ihm zu verstehen gegeben, dass sein Sohn, der damals noch bei den Amateuren spielte, endlich einen Profivertrag unterschreiben müsse. Seine Argumente waren überzeugend: zwei muskelbepackte Bodyguards. Fast zur gleichen Zeit wurden mehreren OM-Spielern die Autos gestohlen. Unter anderem auch dem Portugiesen Delfim, dessen Stammplatz im defensiven Mittelfeld Deruda junior so gerne gehabt hätte. Delfim fand sein Auto einige Tage später vor der Schule, in die seine Kinder gingen. Er wechselte zu den Young Boys Bern.

Auch Trainer Luis Fernández, der Marseille nach Jahren der Tristesse wieder in die Champions League geführt hatte, brach im Sommer Hals über Kopf seine Zelte ab und flüchtete nach Auxerre. Dort, im idyllischen Burgund ist man seines Lebens sicher. Offiziell spricht Fernández nicht über die Gründe seines übereilten Abschieds aus Marseille. Dass er bedroht wurde, machte dennoch die Runde, sodass namhafte Trainer wie Didier Deschamps und Claudio Ranieri dankend ablehnten, die Nachfolge Fernández anzutreten. Stattdessen trainiert der brave Ur-Marseiller und ehemalige Cotrainer von Fernández, Albert Emon, nun OM. Und Deruda ist stets im Kader.

Das freut nicht nur Papa Deruda, sondern auch seinen Jugendfreund, den heutigen Sportdirektor José Anigo. „Mit Anigo erhält das Milieu Zutritt zur Entscheidungsebene des Klubs“, meint ein ehemaliger Vereinspräsident über Anigo. Undenkbar, dass Uli Hoeneß den Trainer von Bremen oder Schalke öffentlich als „Schwuchtel“ bezeichnet. Anigo kennt da keine falsche Scheu. Vor dem Ligacup-Finale in Paris zeigte er sich siegesgewiss und drohte in Richtung von Guy Lacombe, dem Trainer von Paris-Saint-Germain: „Ich werde ihm das Sperma aus dem Mund holen.“ Seit dem Samen-Eklat wimmelt Pressesprecher Grégory Cipriani alle Interviewanfragen für Anigo ab – mit einer Begründung, die Eingeweihte für fein ziselierten Sarkasmus halten: „José spricht nicht.“ Zumindest hätte das der Verein manchmal gerne. Pape Diouf, der als seriös und professionell geltende Präsident, mag dann auch nicht dementieren, dass Anigo mit seinen zahlreichen Loyalitätszwängen dem Erfolg im Wege steht. Der Zeitpunkt sich zu trennen sei allerdings nicht gekommen, „noch nicht“. In dem Maße wie Dioufs Aktien steigen, sinkt der Stern Anigos. Jetzt gilt es nur noch, den allmächtigen Gönner Jean-Louis Dreyfus zu überzeugen. Doch der Industrielle, der in den letzten zehn Jahren 200 Millionen Euro in OM investiert und damit in den Wind geschossen hat, hat sich noch nie mit der Alltagsarbeit aufgehalten.

„Wer dem Licht gegenüber unempfindlich ist, wird Marseille nie verstehen“, hat Jean-Claude Izzo in seiner grandiosen „Marseiller Trilogie“ geschrieben. Sicher hat auch der vor fünf Jahren gestorbene Romancier öfter den Umweg über die Corniche Kennedy genommen, wenn er vom Stade Vélodrome in die Innenstadt zurückkehrte. Von der Uferstraße aus schweift der Blick über das tiefblaue Meer, das im November in einem fast unwirklich hellen Licht glitzert. An Mandel- und Olivenbäumen vorbei nähert man sich allmählich dem Alten Hafen, dem Wahrzeichen der Stadt.

Als Ludwig XIV., der Sonnenkönig, beschloss, die Hafenmauern zu befestigen, richtete er die Kanonen nicht aufs Meer, sondern auf die Stadt, die schon damals als Widerstandsnest galt. Seither hat sich an der Haltung der Marseiller gegenüber der Hauptstadt nichts geändert, wie Izzo plastisch zu Papier bringt: „Ich schere mich einen Dreck darum, was für ein Bild man sich in Paris oder sonst wo von uns macht. Für Europa sind wir immer noch die erste Stadt der Dritten Welt.“ In Marseille fühlt man sich als „Méditerranéen“, als Mittelmeermensch, dem Tunis und Algier näher sind als Paris.

Das Leben hier spielt sich draußen ab, man nimmt sich Zeit. 27 Prozent der Marseiller leben unterhalb der Armutsgrenze, im Pariser Vorort-Département Seine-Saint-Denis, in dem regelmäßig Unruhen aufflammen, sind es 18. Und dennoch: Marseille ist kein zu groß geratenes Kreuzberger Straßenfest. Gerade im Marseiller Norden ist der Hass auf die Oberschicht spürbar, aber er ist weniger virulent als in anderen französischen Großstädten. Vielleicht, weil es hier weder Einheimische noch Fremde gibt. Nur Zugewanderte der ersten bis dritten Generation. Während Berliner Türken zu den drei Istanbuler Klubs halten und Hertha weitgehend ignorieren und bei Paris Saint-Germain der rechte Pöbel die Kurve regiert, gehen zu OM Menschen aller Hautfarben. Und das nicht erst seit 2004, als mit Pape Diouf ein gebürtiger Senegalese Präsident des Klubs wurde.

Joachim Barbier und Christoph Ruf

Eine gute Kinderstube open.png

Über Bayerns Sieg beim SC Freiburg, 19. Okt. 2009, Berliner Zeitung


Weil Nachwuchsmann Thomas Müller trifft und Freiburgs Du-Ri-Cha die Orientierung verliert, gewinnt der FC Bayern ein wenig Stabilität

FREIBURG. Irgendwann kam die Frage, die Uli Hoeneß um die mühsam an der Leine gehaltene Contenance brachte: "Ach, hören Sie doch auf mit dem Käse", sagte er, "kaum schießt jemand drei Tore, wird schon nach der Nationalmannschaft gerufen."

Die Sprache war auf die internationalen Perspektiven eines gewissen Thomas Müller, gebürtig in Weilheim/Oberbayern, gekommen. Der hatte erneut gut gespielt und das 1:0 beigesteuert (42.). Der junge Mann spielt insgesamt in dieser Saison so überzeugend, dass er einen Stammplatz bei den Bayern hat und jüngst von Bundestrainer Joachim Löw höchstpersönlich zum Kandidaten für die Nationalmannschaft erklärt worden war. Letzteres - und die zahlreichen Fragen danach - hatte Hoeneß zu einer heftigen Kulturkritik veranlasst. "Früher musste man ein Jahr so spielen, um nominiert zu werden", ereiferte er sich und bat dringend darum, die Worte "Müller" und "Nationalmannschaft" in keinerlei Sinnzusammenhang zu bringen. "Ihr Journalisten macht so ein Theater, bis Joachim Löw gar nicht mehr anders kann, als ihn zu nominieren."

Besagter Löw war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr am Ort des Geschehens - zusammen mit DFB-Trainerausbilder Frank Wormuth hatte er ein paar Minuten vor Abpfiff das Stadion verlassen. Noch im Auto dürfte ihn der lauteste Torjubel der Partie erreicht haben: In der Nachspielzeit hatte der eingewechselte Angreifer Stefan Reisinger den Treffer zum 1:2 erzielt (90 +2). Doch das Spiel war da längst entschieden.

Die entscheidende Szene hatte sich knapp eine halbe Stunde zuvor ereignet, Felix Bastians hatte sie so erlebt: "Scheiße", sagte der Abwehrmann und runzelte die Stirn, "und dann trullert der Ball auch noch so unendlich langsam rein." In der Tat war das Eigentor zum 0:2 eines der unnötigsten der jüngeren Fußballgeschichte. Im Umkreis von zehn Metern war kein Gegenspieler zu sehen gewesen, doch Du-Ri Cha hielt vor dem herauseilenden Keeper Simon Pouplin den Fuß dahin, wo er in dem Moment ganz sicher nicht hingehörte - und die Partie war entschieden (68.). Denn zuvor hatte Jungspund Müller eben die Führung erzielt. "Das war super, das war elegant", höhnte der taktlosere Teil der Bayern-Fans, während Cha gesenkten Hauptes nach dem Loch im Erdboden suchte, das bei solchen Anlässen immer unauffindbar ist.

Bayern-Trainer Louis van Gaal bewies bei der anschließenden Pressekonferenz eine deutlich bessere Kinderstube und unterschlug das Tor, das man nicht selbst erzielt hatte, galant: "Wir haben in der zweiten Halbzeit dominant gespielt, aber leider kein Tor geschossen." Umso mehr ärgerte er sich, dass man in der Nachspielzeit noch das 1:2 hinnehmen musste: "Über das Gegentor war ich sehr böse, der Ballverlust vorher war unnötig."

Auch die Anfangsphase hatte dem Cheftrainer der Bayern missfallen. Denn da hatte vor allem der SC jeden Quadratzentimeter des Rasens mit Leidenschaft beackert. Und war durch Julian Schuster (7.) und Mohamadou Idrissou (10.) auch zu richtigen Chancen gekommen. "Wir sind gut reingekommen", bilanzierte Freiburgs Kapitän Heiko Butscher richtig, "hatten dann aber leider zu viele Ballverluste im Spiel nach vorne."

Reichlich uninspiriert

So verdient die Pausenführung und schließlich auch der Sieg deshalb auch waren - es gab in vergangenen Zeiten auch Spiele, in denen man sich ungläubig die Augen gerieben hätte, wenn eine Mannschaft des FC Bayern zur Halbzeit bei einem Aufsteiger nur zu zwei Torchancen gekommen wäre. Zudem lässt sich manche Unebenheit im Kader kaum mehr wegdiskutieren. In der Innenverteidigung ist Holger Badstuber so dermaßen gesetzt, dass der nicht ganz günstige Breno nach Auskunft des Managers bald verliehen ("aber nicht verkauft") sein könnte. Auf der linken Außenbahn muss van Gaal seinem Landsmann Edson Braafheid vertrauen. Und damit einem Spieler, der auch in Freiburg kaum einen Angriff über die rechte Seite wirkungsvoll unterbinden konnte. Das Kollektiv immerhin scheint sich in den letzten Wochen ein wenig stabilisiert zu haben. Der FC Bayern spielt im Herbst 2009 ballsicher, taktisch diszipliniert - und reichlich uninspiriert.

"Wir hatten lange genug Spektakel" open.png

Interview mit FCN-Trainer Michael Oenning, 12. Okt. 2009, Financial Times


Er ist ein etwas anderer Bundesligatrainer: Im Interview mit FTD.de spricht Michael Oenning, Coach des 1.FC Nürnberg, über sein Nachwuchskonzept und den Wunsch, mit Ergebnissen nicht alles zu erklären.

Der Germanist Michael Oenning, 44, hat seine Doktorarbeit abgebrochen, um Trainer des 1. FC Nürnberg zu werden. Der Fußballlehrer, der früher "Sky"-Reporter Marcel Reif assistierte, kann beim Aufsteiger keine Stars kaufen. Sein Konzept aber, stark auf Nachwuchsspieler zu setzten, ist mehr als nur einer Notlage geschuldet. Oenning, der am Samstag Hertha zum Krisengipfel erwartet, hält es für zukunftsweisend.

FTD: Herr Oenning, bei Hertha, Ihrem nächsten Gegner, ist gerade der Trainer entlassen worden - die Ergebnisse haben nicht gestimmt. Als Gegner der Ergebnisberichterstattung müsste Sie das wahnsinnig machen, oder?
Michael Oenning: Ich habe kein Problem mit ergebnisorientierter Berichterstattung - aber damit, alles aus den Ergebnissen abzuleiten. Nach ein paar Spieltagen kann man noch keinen Trend erkennen. Schon gar nicht, wenn man wie wir das Ziel ausgegeben hat, nach 34 Spieltagen schlechtestenfalls 15. zu sein. Unsere Ausgangslage erleichtert vieles.

FTD: Inwiefern?
Oenning: Letzte Saison standen wir jedes Spiel unter Erfolgsdruck. Durch den Aufstieg sind wir in die komfortable Situation gekommen, dass wir nicht immer gewinnen müssen und jedes Spiel einzeln bewerten können. Durch den Sieg im letzten Heimspiel haben wir jetzt sogar ein bisschen Ruhe.

FTD: Das Beste an drei Punkten ist, dass man die Luft bekommt, mittelfristige Ziele weiter zu verfolgen?
Oenning: Ganz genau. Als Aufsteiger weiß man natürlich, dass man von 34 Spielen 17 oder 18 nicht gewinnen wird. Es wäre eine tolle Sache, wenn wir noch ein paar Punkte sammeln könnten. So hätten wir die Chance, weiter an unseren Offensivqualitäten zu arbeiten. Im Moment konzentrieren wir uns noch sehr darauf, das Spiel des Gegners zu hemmen, uns nach ihm zu richten.

FTD: Ihr Kollege Armin Veh weigert sich, über mittelfristige Ziele zu sprechen. Er sagt, er habe gelernt, dass nur der kurzfristige Erfolg zählt.
Oenning: Er ist in einer anderen Situation. Von ihm wird erwartet, dass er am besten die Champions League gewinnt und Meister wird. Wir dagegen wollen den Klassenerhalt - und damit den Grundstein für unsere Zukunft legen.

FTD: Sie scheinen sehr überzeugt zu sein von Ihrem Kader. Man hatte vor der Saison fast den Eindruck, Sie wollten gar keine neuen Spieler.
Oenning: Wir haben ja neue Spieler geholt, aber eben junge. Es kann durchaus sein, dass irgendwann mal eine U 23 aufläuft. Es mit dieser Mannschaft zu probieren, war eine bewusste Entscheidung. Es ist aber auch nicht so, dass wir als ganz junge Mannschaft die Liga rocken. Eigentlich versuche ich, neben jeden älteren Spieler einen jungen zu stellen. Unsere Achse besteht aus erfahrenen Leuten: Wolf, Kluge, Mintal, vielleicht Charisteas. An den Seiten sieht es aber schon jung aus, das stimmt.

FTD: Würden Sie Ribéry nehmen?
Oenning: Das ist aber jetzt eine sehr theoretische Frage.

FTD: Klar, was sonst - also?
Oenning: Ich wäre ja doof, einen der besten Spieler der Welt nicht zu nehmen.

FTD: Jetzt haben Sie aber lange gezögert.
Oenning: Das ist, weil - er würde nicht nach Nürnberg passen, ich müsste für ihn mein ganzes Konzept umstellen.

FTD: Das davon ausgeht, dass die beste Nachwuchsförderung die ist, den Nachwuchs auch regelmäßig spielen zu lassen?
Oenning: Richtig. Wenn wir den Klassenerhalt mit dieser jungen Mannschaft schaffen, ist sie erfahrener und besser geworden. Dann wird die nächste Saison für uns leichter werden. Außerdem tun wir auch dem deutschen Fußball gut, wenn wir unsere Leute ausbilden und nicht die der anderen. Der Trend in der Liga geht derzeit auch in die Richtung, das freut mich.

FTD: Das Bekenntnis zum eigenen Nachwuchs hört man in der Branche immer wieder. Doch meist wird es nur in der allergrößten Not konsequent umgesetzt - wenn das Geld für Stars fehlt.
Oenning: Ich will schon beweisen, dass man mit einem konsequenten Nachwuchskonzept Erfolg haben kann. Dieser Nachweis ist ja nie geführt worden. Stattdessen wollten viele Trainer ihren persönlichen Erfolg absichern, damit sie lange im Geschäft bleiben. Da schien es manchem zu riskant, den Jungen auch mal ein schlechtes Spiel zuzugestehen.

FTD: Würden Sie das denn auch machen, wenn Sie Trainer eines Meisterschaftsaspiranten wären?
Oenning: Der FC Arsenal macht das so, Barcelona macht das so - da bin ich in guter Gesellschaft. Association Jeunesse Auxerre macht das sogar so konsequent, dass es im Vereinsnamen steht: Jugendverein Auxerre.

FTD: Der französische Erstligaverein, der mit Guy Roux über 30 Jahre den gleichen Trainer hatte.
Oenning: Genau. Das nenne ich Kontinuität. Und das ist etwas, womit der SC Freiburg und Werder Bremen auch gut gefahren sind. Kontinuität ist natürlich langweilig, wenn woanders ständig was los ist, weil der Trainer rausfliegt. Da wird was geboten, da ist Spektakel! Ich aber glaube, dass wir in Nürnberg lange genug Spektakel hatten. Deshalb ist es für uns wichtig, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Sonst kommt der Nächste, und der macht es wieder ganz anders.

DFB-Stürmer Helmes - Der Mann, der Klose und Gomez verdrängen kann open.png

Porträt von Patrick Helmes, Sep. 2008, Spiegel Online


Er ist schnell, ballsicher und hat eine exzellente Schusstechnik - doch obwohl die Konkurrenz schwächelt, saß DFB-Nachwuchsstürmer Patrick Helmes bislang meist auf der Bank. Auch im WM-Qualifikationsspiel gegen Finnland dürfte er allenfalls zweite Wahl sein. Aber das kann sich bald ändern.

Verkehrte Welt in der deutschen Nationalelf: Es ist erst wenige Monate her, da wurde ein Mannschaftsteil stets ausgenommen, wenn sich Beobachter kritisch mit der Mannschaft beschäftigten. Im Sturm, so hieß es, sei das Team bestens aufgestellt. Und jetzt das: Mario Gomez vom VfB Stuttgart hinkt seiner Form hinterher, Miroslav Klose von den Bayern hinkt nicht einmal mehr. Bei Kevin Kuranyi fragen sich nun viele, ob er je so gut war wie das Image, das er bei Bundestrainer Joachim Löw offenbar noch hat. Nur Lukas Podolski zeigt ziemlich konstant, wie gerade wieder gegen Liechtenstein, wie gut er sein kann.

Und dann gibt es noch Patrick Helmes.

Der Leverkusener galt lange als Mann der Zukunft. Was auch hieß, dass man sich in der Gegenwart nicht allzu intensiv mit ihm befasste. Gegen Liechtenstein hätte auch Patrick Helmes gut ausgesehen. Doch im Rheinpark-Stadion saß ausgerechnet er als einer von zwei deutschen Spielern nur auf der Tribüne. Dabei sind die Parallelen zwischen Podolski und Patrick Helmes offenkundig: Beide sind dann am stärksten, wenn sie über die Flügel kommen und – wie gegen Liechtenstein – Platz haben. Beide verfügen über eine herausragende Schusstechnik und sind auch bei hohem Tempo jederzeit ballsicher – eine Beschreibung, die längst nicht auf alle fünf deutschen Stürmer zutrifft.

Interessanterweise haben beide auch die gleichen Schwächen, die ihre jeweiligen Vereinstrainer immer wieder ansprechen: Wer hinter ihnen die Seite absichern muss, ist um seinen Job nicht zu beneiden. Das kann ein Problem sein. Allerdings nicht gegen Liechtenstein.

Patrick Helmes erinnert allerdings nicht nur in der Spielweise an Lukas Podolski. Wie er so in der Hotellobby sitzt, den Blick mal hier, mal dorthin schweifen lässt, wie er seinen Kollegen Rolfes in breitem Kölsch verspottet und dann umarmt – hätte er nicht längere Haare und grünere Augen, man müsste zweimal hinschauen, um eine Verwechslung auszuschließen.

Zumal beide die unbedingte Fähigkeit verbindet, das Leben so einfach zu nehmen, wie es offenbar eben auch sein kann. Wo Podolski gerne die Geheimnisse des Fußballs darauf reduziert, dass man dabei "Gas geben" müsse, versichert Helmes glaubwürdig, dass es ihm nichts ausgemacht habe, als ihn 50.000 Kölner Fans lautstark zum Teufel wünschten.

Helmes ist, wie er ist

Ein Fan hat ihm mal erklärt, warum die Leute so sauer waren, als sein anstehender Wechsel nach Leverkusen bekannt wurde. "Die haben mich halt geliebt, da waren sie eben enttäuscht, dass ich weggegangen bin." Persönlich habe er mit den Fans eh kein Problem gehabt, sagt er. Auch das glaubt man ihm. Der Mann ist sympathisch, vor allem ist er, wie er ist. Das mögen Fußballfans bei allen Vereinen lieber als heuchlerische Diven.

Helmes, der Playstation-Crack, der die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl sitzt, schaut schon wieder auf die Hotel-Empore. Vielleicht lauert ja da irgend eine Abwechslung zum tristen Interviewalltag. Angst vor dem ersten Spiel, das seine Leverkusener nach Köln führt, hat er jedenfalls nicht. Die Leute in Köln wüssten schließlich auch, was er für sie getan habe. In der Tat traf Helmes alleine in den beiden Zweitliga-Jahren überragende 31 Male in nur 52 Spielen und bereitet zudem zahlreiche Treffer vor. In Leverkusen scheint es eine Liga drüber ähnlich gut zu laufen. In den bisherigen drei Saisonspielen schoss er zwei Tore und überzeugte die Beobachter mit starken Leistungen.
Einer von fünf Stürmern, nicht mehr der Fünfte

Wenn ein hundertprozentiger Fußballer wie Helmes nicht spielen darf, obwohl er seit Monaten in bestechender Form ist, ist jeder Trainer gut beraten, ihm das auch zu erklären. Joachim Löw scheint das getan zu haben: "Ich weiß, dass der Trainer viel von mir hält. Das sagt er mir auch. Ich hoffe natürlich schon, dass ich dann spätestens in einem halben Jahr drin bin." Helmes wäre zu clever, um sich die Chance, Stammspieler der Nationalmannschaft zu werden, dadurch kaputt zu machen, dass er nun vehement einen Stammplatz fordert. Er hätte gerne gespielt gegen Liechtenstein, das sollen die Leute schon mitbekommen. "Wichtig ist, dass der Trainer etwas von mir hält und dass ich weiß, was er von mir hält." Helmes findet, dass er bereits jetzt in der Hierarchie aufgestiegen ist: "Vor der EM war ich Stürmer Nummer fünf, jetzt sehe ich mich eher als einer von fünf."

Es gibt Leute, die behaupten, Helmes' Hauptproblem sei seine Gutmütigkeit. Klaglos habe er sich in den Flieger gesetzt, als er auf Mallorca aus dem vorläufigen EM-Kader gestrichen wurde, klaglos habe er nun akzeptiert, dass er neben Christian Pander als einziger deutscher Spieler in Vaduz auf die Tribüne gesetzt worden sei.

Das mit der Gutmütigkeit könnte eine Fehlinterpretation sein. Der Mann glaubt einfach, dass er es schon bald geschafft hat. Weil in den kommenden Wochen jeder sehen wird, dass er besser ist als die meisten der vier Konkurrenten. "Wir fünf spielen ja jetzt auch alle in der gleichen Liga. Anscheinend hat es bislang noch nicht ganz gereicht. Aber meine Zeit wird kommen."

Wiener EM-Stimmung - Fröhlich, friedlich, durstig open.png

Über Wien im EM-Fieber, Jun. 2008, Spiegel Online


Hotels und Züge sind leer, und die Fanmeile ist verwaist. Die Wiener haben sich den Fan-Ansturm auf ihre EM-Stadt anders vorgestellt. Und wer hat schuld? Die Medien, sagen die Hauptstädter. Der Blätterkrieg berührt sie ansonsten wenig.

Wien - Die Medien sind schuld. Und das, obwohl das mediale Pingpong zwischen Wiener und Hamburger Boulevard (A ist arrogant, B ist beleidigt und umgekehrt im täglichen Wechsel) hier keinen Menschen interessiert. In einer Stadt, in der die Straßenverkäufer Dutzende Tagezeitungen feilbieten, stoßen Schlagzeilen, die sich wie Klosprüche lesen, auf gepflegte Gleichgültigkeit: "Ösiwürstchen wegputzen?" "Wer's braucht", sagt ein österreichischer Fan auf der Fanmeile gleichgültig, "scheint's ja ganz schön Angst zu haben", schäkert seine Freundin. Geschenkt.

Die Medien sind trotzdem schuld - an den leeren Betten in Wien. Dass die deutschen Zeitungen berichtet hätten, in Wien sei kein Quartier mehr zu bekommen, das sei dann doch ein starkes Stück, heißt es am Taxistand vor dem Westbahnhof: "Ja, san die deppert?", erregt sich Dragan, ein aus Belgrad stammender Taxifahrer, der seit 13 Jahren in Wien lebt: Stundenlang stehe er mit seinen Kollegen vorm Bahnhof herum: Leer seien die Züge, "genau wie die Hotels", in vielen stehe jedes zweite Bett leer, schätzt er. "Wenn die Leute lesen, da ist kein Platz mehr in der Stadt, bleiben sie lieber zu Hause."

Am Montagnachmittag rechnet Dragan mit besseren Geschäften. Man merke schon, dass viele Leute aus Neugier in die Stadt kämen. "Sie wissen schon, Cordoba 2 und so." Ob er selbst an einen österreichischen Sieg glaube? "Na, wirklich ned."

Auch Peter, ein Rapid-Fan, ist skeptisch, was die Erfolgsaussichten der österreichischen Equipe angeht. Dass er sich gerne eines Besseren belehren lassen würde, merkt man jedoch. Nach ein paar Sekunden, eigentlich war er schon Richtung Eisdiele entfleucht, kehrt er noch einmal um. Man habe ja am Sonntagabend beim türkischen Sieg gesehen, sagt er, dass es bei dieser EM auch einmal ein 3:2 geben könne, "wie damals…". Peter lacht.

Lebensqualität spricht für Österreich

Wie der Schlachtenbummler scheint auch die österreichische Medienlandschaft zu empfinden: "Hoffen auf ein Wunder", titelt der "Kurier" und geißelt wie die meisten Medien das derzeitige Makroklima. Wenn alte Klischees auf beiden Seiten so inbrünstig gepflegt würden, hätte das wohl nur zum Teil mit der tatsächlichen deutschen Arroganz zu tun, schreiben auch andere Zeitungen. Offenbar leide Österreich nach wie vor unter Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Nachbarn, der immerhin zehnmal so viele Einwohner habe.

Viele Gründe dafür gebe es allerdings nicht: Die Pro-Kopf-Ausgaben für Kunst, die Lebensqualität in den Städten, die Exportdaten - alle Rahmendaten sprächen derzeit für Österreich. Und gegen Minderwertigkeitskomplexe. Nicht zu vergessen der Humor: Denn die Deutschen lachten über Furzkissen und über Pocher, konstatiert der "Kurier" erstaunt, wohingegen sich die "Salzburger Nachrichten" über Atze Schröders Beliebtheit wundern.

Kurzum, zwar sei man verbunden durch "die gemeinsame Sprache, die uns trennt", heißt es im "Kurier" unter Berufung auf Karl Kraus. Doch der Humor sei nun mal kein Meister aus Deutschland: "Die Deutschen sehen so aus, als seien sie drauf und dran einen Weltkrieg anzufangen oder einen jämmerlichen Witz zu erzählen", wird ein (anonymer) "Kenner der deutschen Seele" zitiert.

Tickets zu Marktpreisen

Wie humorbegabt die deutschen Fans tatsächlich sind, ist in diesen Tagen in Wien nur schwer zu ermitteln. Fest steht jedoch, dass sie gut gelaunt sind. Rund um den Stephansplatz haben sich alle die versammelt, die die Stammklientel der deutschen Nationalmannschaft ausmachen. Fußballfans im klassischen Sinne. Fröhlich, friedlich, durstig.

Als zwei deutsche Polizisten an einem vollbesetzten Straßencafé vorbeigehen, werden sie aufgefordert, die "Welle" zu machen. Dass sie der Aufforderung nachkommen und dreimal eine La-Ola-Welle starten, erheitert nicht nur die österreichischen Kollegen: "Deutsche Polizei, deutsche, deutsche, deutsche Polizei", schallt es über den Domplatz. Zu beobachten ist auch, dass - Boulevardschlagzeilen hin oder her - die beiden Fanlager sich an vielen Stellen ohne größere Anlaufschwierigkeiten beim gemeinsamen Bier verbrüdern.

Bei einem anderen Thema endet jedoch der Gruppengeist der Fußballfans. Ein Fan, der seit zwei Tagen versucht, noch ein Ticket für das Spiel zu ergattern, ist angeblich auf "fast 30" Fans gestoßen, die "noch ein Ticket über hatten". Zu einem halbwegs zivilen Kurs wollte es jedoch keiner verkaufen. "Da redet der letzte Besoffski plötzlich wie ein Banker", hat er bemerkt, "Marktkurs und so." Selbiger habe gestern bei "450 bis 500 Euro" gelegen, so der Fan. Am Montagmittag waren es bereits 100 Euro mehr.

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Über die Zweiklassengesellschaft der Fußball-Bundesliga, 7. Sep. 2007, zeit.de


Da das Leistungsgefälle in der Bundesliga inzwischen größer ist denn je, weichen die Fans auf Nebenkriegsschauplätze aus.

Fußballromantiker haben an diesem Wochenende Auftrieb erhalten. Ist es nicht so, dass ein Aufsteiger den amtierenden deutschen Meister schlagen kann? Dass der enthemmte Ägypter Mohamad Zidan noch in der Schlussminute den scheinbar unverwundbaren Siegfried aus Bavaria unters Lindenblatt pieksen kann?

Doch so leid es einem mitfühlenden Herzen tun mag: Am Ende der Saison wird Bayern München mindestens genauso deutlich vor dem HSV rangieren wie der VfB Stuttgart vor seinem badischen Rivalen. Spätestens in der Rückrunde werden sich die alten Hierarchien wieder in der Tabelle niedergeschlagen haben. Denn der Trend zur Zweiklassengesellschaft hat sich in der Bundesliga noch mal beschleunigt: Da sind zum einen die Bayern, die so viel Geld so sinnvoll ausgegeben haben, dass sie in dieser Liga keine dauerhafte Konkurrenz zu fürchten brauchen – trotz des Punktverlusts haben sie bereits jetzt drei Punkte Vorsprung auf Rang 2.

Um die weiteren Champions-League-Plätze werden Schalke, Werder, Stuttgart und eventuell Leverkusen rangeln. Denn diese vier Vereine sind die einzigen, die neben einer vernünftigen Qualität in der Stammformation auch in der Breite so besetzt sind, dass sie den Ausfall gleich mehrerer Stammspieler verkraften können. Es folgen Dortmund und der HSV, um die Plätze 8 bis 18 wird etwas ergebnisoffener gerungen werden.

Klingt langweilig? Ist es auch. Doch die traurige Wahrheit – Fans des VfL-Bochum oder von Arminia Bielefeld werden in diesem Leben keinen Uefa-Cup-Platz mehr feiern können – liegt letztlich nur im europäischen Trend.

Egal, ob England, Frankreich, Italien oder Spanien, in allen europäischen Topligen haben in der letzten Dekade die immer gleichen Vereine Meistertitel und Champions-League-Plätze unter sich ausgemacht. Wer Erfolg hat, wird für Sponsoren attraktiv und kauft sich damit noch mehr Erfolg.

Es ist leider so: Die Tabelle lügt nicht. Allenfalls gaukelt sie einen Qualitätssprung zwischen erster und zweiter Liga vor, der spätestens seit dem Enteilen der Krösusse nicht mehr die Realität abbildet: Bielefeld oder Cottbus sind leistungsmäßig von guten Zweitligateams wie Mainz oder Fürth deutlich weniger weit entfernt als von Bremen oder Schalke. Die wahre Trennlinie zwischen Deutschlands Fußballmannschaften verläuft also in etwa auf Platz 10 der Erstligatabelle und endet auf Platz 8 der Zweitligatabelle.

Und weil das so ist, werden die Nebengeräusche umso wichtiger, je vorhersehbarer der sportliche Wettkampf als solcher wird. Wer am Sonntag im Karlsruher Wildparkstadion war, sah Tausende von Fans, die nach dem Schlusspfiff so ausgelassen herumhopsten, als habe ihr KSC gerade die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Das 1:0 gegen den Erzfeind VfB Stuttgart – so der Tenor – sei schon jetzt das Highlight der Saison. Noch vor zehn Jahren war der vermeintliche Erzfeind allenfalls ein Rivale, gegen den man lieber gewann als gegen Dortmund. Heute schreit eine ganze Kurve Hassparolen gegen Schwaben, einen Landstrich, der etwa 30 Kilometer östlich von Karlsruhe beginnt. Auch die Rivalitäten zwischen Dortmund und Schalke oder zwischen Nürnberg und Bayern waren früher spielerischer als heute, die Spottgesänge witziger, weniger fundamental.

Offenbar laden Fußballfans ein Fußballspiel lieber künstlich mit Emotionen auf als hinzunehmen, dass die Abschlusstabelle schon vor dem ersten Spieltag zu großen Teilen vorherbestimmt ist. Maik Franz, der bärbeißige Verteidiger des KSC weiß das. In der Sportbild hatte er das Verhältnis zwischen VfB- und KSC-Fans mit dem Satz umschrieben, dies sei "wie Krieg". Am Sonntag hatten die Fans der Karlsruher den Spruch auf ein Transparent gemalt und das "wie" durchgestrichen: "Es ist Krieg!" Dabei ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein großer Teil der Krakeeler, die "ein Baum, ein Strick, ein Schwabengenick" skandierten, selbst mit einer Schwäbin verheiratet ist.