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Texte zur Politik

Die Hetzer von Mügeln open.png

Rechtsextreme Zuschauer, erschienen am 27. Apr 2010, in der taz


Wenn Roter Stern Leipzig ins Umland reist, muss sie mit dem Schlimmsten rechnen. Nach antisemitischen Parolen kam es jetzt wieder zu einem Spielabbruch, diesmal in Mügeln.

BERLIN taz | Am Samstagabend saßen Fans und einige Spieler des "Roten Stern Leipzig" in ihrem Stammlokal beisammen, wie sie es nach Spielen immer tun. Doch Sophia Bormann kam nicht dazu, sich aufs Essen zu konzentrieren. Ständig klingelte das Telefon, denn ihr Verein war soeben mal wieder zur Zielscheibe von Neonazis geworden. Der Rote Stern ist ein alternativer Breitensportverein, der jüngst mit dem "Sächsischen Förderpreis für Demokratie" ausgezeichnet wurde.

Seine erste Herrenmannschaft ist so gut, dass sie in der achtklassigen Bezirksklasse, Staffel II mittun darf. Das beinhaltet Fahrten in die nordsächsische Provinz, und die ist ein regelrechter Gegenentwurf zum bunten Leben im Leipziger Szenestadtteil Connewitz. Die Gegend um Grimma, Delitzsch und Mügeln ist eine der landesweiten Hochburgen der rechten Szene. Quasi zeitgleich mit dem Spiel fand im etwa 40 Kilometer entfernten Torgau eine Neonazi-Demo mit 170 Teilnehmern statt.

10 bis 15 rechtsextremistische Jugendliche sind bisher immer aufgekreuzt, wenn der Rote Stern in Orten wie Oschatz oder Schkeuditz spielte. Im Oktober kam es zu einem Spielabbruch, als Dutzende zum Teil bewaffneter Neonazis Spieler und Fans des RSL in Brandis attackierten.

Am Samstag folgte der zweite Abbruch binnen einem halben Jahr. Beim FSV Mügeln/Ablaß hatten sich 50 Rechte eingefunden. "Die haben die ganze Partie über Spieler und Fans rassistisch beschimpft", berichtet Bormann, "schon als wir ankamen, wurde der Hitlergruß gezeigt." Auch das sogenannte U-Bahn-Lied ("von Jerusalem bis nach Auschwitz") und ähnliche antisemitische Parolen wurden gesungen.

Die RSL-Spieler votierten zunächst dafür weiterzuspielen. Nachdem der Schiedsrichter Winfried Bohrmann in der ersten Halbzeit die Partie bereits einmal unterbrochen hatte, weil Polizei und RSL-Fans aneinandergeraten waren, bat er nun zwei Mügelner Spieler, die rechten Fans zur Ruhe zu bringen. Als dies nicht fruchtete, hatte der Leipziger Keeper acht Minuten vor Schluss die Nase voll.

"Unter diesem Schwall von Nazigesängen wollte er nicht weiterspielen", erklärt Bohrmann. Der Referee unterbrach die Partei daraufhin. "Das war aus meiner Sicht nicht mehr tolerierbar", sagte er der Leipziger Volkszeitung.
Ganz anders sah das ein Mann, der bereits 2007 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte: "Solange ich beim Spiel war, habe ich keine Nazi-Sprüche gehört", behauptete Vereinspräsident Gotthard Deuse; er habe auch keine Neonazis gesehen. Das wiederum ist nicht weiter verwunderlich. Schon 2007 hatte der FDP-Mann in seiner Eigenschaft als Oberbürgermeister von Mügeln überrascht. Nachdem 50 Männer unter "Ausländer raus"-Rufen acht Inder durchs Dorf gejagt hatten, meinte er: "Ich sage klipp und klar: Rechtsextremismus schließe ich aus."

Laut Statistik der sächsischen Opferberatungsstellen ist Mügeln die Stadt mit den meisten rechtsextrem motivierten Übergriffen in Sachsen. Beim gastgebenden Verein war man zunächst sauer über den Spielabbruch beim Stand von 2:0.
Dass der Stadionsprecher den RSL unmittelbar nach dem Spielabbruch als "feige" bezeichnete, mag dem Affekt geschuldet sein. "Er meinte, man müsse über solche Parolen hinwegsehen", berichtet RSL-Vertreterin Bormann, "Oliver Kahn sei schließlich auch immer mit Bananen beworfen worden."

Vereinssprecher Jan Greschner, gleichzeitig Torwart des Clubs, bezog am Sonntag Stellung: "Der Verein möchte die rechten Gesänge einer Gruppe, die noch niemals in Mügeln zum Fußball erschienen war, in keinster Weise leugnen oder gar beschönigen", heißt es. Es sei aber auch nicht hinzunehmen, dass RSL-Fans Mügelner Spieler als "Nazis" beschimpften.
Ähnlich argumentierte der sächsische Innenminister Markus Ulbig (CDU), der es bedauerte, "dass der Fußball von linken und rechten gewaltbereiten Extremisten benutzt wird". Dieses Argumentationsmuster ist klassisch in einem Bundesland, wo sich nach jedem rassistischen Übergriff ein Politiker findet, der vor "Gewalt von links und rechts" warnt.

"Dieses Gerede ist hier gang und gäbe, geht aber völlig an den Realitäten vorbei", sagt Bastian Pauly von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Leipzig, "das verkennt, dass der Rechtsextremismus die alltägliche Realität in Nordsachsen ist, und relativiert das Bedrohungspotenzial für alle, die nicht in das Weltbild der Neonazis passen".
Gewissermaßen müssen einem die Vereine in der Bezirksklasse Staffel II leidtun. Schließlich kommen die rechten Jugendlichen oft wohl wirklich nur dann geballt zu deren Spielen, wenn mit dem Roten Stern ihr politisches Feindbild auftritt. Wo die Szene - wie in weiten Teilen des Leipziger Umlandes - zur dominierenden Jugendkultur geworden ist, setzt sie ihren Hegemonieanspruch mit aller Macht durch. Schon der Jugendliche mit dem falschen Button (NPD-Diktion: "Gesinnungsknopf") lebt hier gefährlich.

Wenn 150 alternative Leipziger in die Provinz kommen, wird das als Kriegserklärung aufgefasst, zumal wenn es sich um Fußballfans handelt, agieren die doch auf dem Territorium, das die Rechten längst als eines der Agitationsfelder entdeckt haben. Die Kameraden in der Region spielen übrigens auch selbst Fußball.

Pfingsten 2009 trafen sich Kameradschaftsaktivisten und andere Neonazis zum "Nationalen Fußballwettstreit". Es siegte die Terror Crew Muldental vor den Freien Nationalisten Delitzsch und den Nationalen Sozialisten Muldental.

Wie Rechtsextreme ihre Gegner drangsalieren open.png

Neue Neonazi-Strategie, erschienen am 11. Dez 2009, Spiegel-Online


Angesichts knapper Kassen und häufiger Demo-Verbote hat die rechtsextreme Szene im Südwesten eine neue Strategie entwickelt: Die Neonazis kapern Veranstaltungen politischer Gegner. Nun ist ein baden-württembergischer SPD-Landtagsabgeordneter ins Visier der NPD geraten.

Stephan Braun traute seinen Augen nicht. Immer wieder hatte er in den vergangenen Jahren seine Genossen und interessierte Bürger im Südwesten über das Treiben von Rechtsextremen informiert. Nun saßen dem baden-württembergischen SPD-Landtagsabgeordneten genau diese Rechtsextremen gegenüber - mitten im Herzen seines Wahlkreises: Insgesamt 60 Zuhörer waren zu seinem Vortrag über die rechtslastige "Junge Freiheit" in Waiblingen gekommen, davon 40 Sympathisanten der rechtsextremen Szene: "Die haben sich gleich in größeren Gruppen im Raum verteilt und die ganze Zeit über versucht, die Diskussion in ihrem Sinne zu steuern."

Einige Monate zuvor hatte Braun eine ähnliche Erfahrung gemacht - in Böblingen, wie Waiblingen eine Randgemeinde von Stuttgart. Damals waren etwa 15 Rechtsextreme gekommen. Sie blieben weitgehend unter sich - bis die Veranstalter den Juso-Kreisvorstand zusammentrommelten, der in einer Gaststätte in der Nähe tagte. In Böblingen hinterließen die Störer - darunter Kader der besonders radikalen NPD-Nachwuchsorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) und autonome Nationalisten - Flyer mit Aufschriften wie "Widerstand lässt sich nicht verbieten" oder "Ihr werdet uns nicht los."

Braun ist nachdenklich geworden. Zumal der demokratisch gesonnene Teil des Publikums von der Übermacht der Rechten wie gelähmt gewesen sei. Deren Redebeiträgen sei "zu wenig entgegengesetzt" worden, findet Braun, der von einer "Gratwanderung" spricht: Auf der einen Seite müsse man ein Bewusstsein für die gewandelten Strategien der Szene schaffen, den Demokraten Argumente liefern. Andererseits dürften die Anti-Rechts-Veranstaltungen nicht zur Plattform für die Agitation rechtsextremer Organisationen verkommen.

"Stephan Braun quälen - NPD wählen"

Genau das ist das Kalkül der rechten Strategen, die bereits 2003 das Konzept der sogenannten "Wortergreifungsstrategie" entwarfen. NPD-Parteichef Udo Voigt fordert seine Kameraden seither immer wieder dazu auf, Veranstaltungen des politischen Gegners zu unterwandern: "Drängen wir ihnen unsere Gedanken auf, ja zwingen wir sie dazu, sich mit uns, unseren Forderungen und Zielsetzungen zu beschäftigen." Die Strategie ist nicht unlogisch: Da Gegendemonstranten regelmäßig die Durchführung ihrer Veranstaltungen behindern und der klammen Partei zunehmend das Geld für eigene Vorträge fehlt, sollen die NPD-Anhänger Treffen des politischen Gegners besuchen und Thema und Diskussion in ihrem Sinne beeinflussen. Auch so könne man auf die eigenen Themen aufmerksam machen und neue Sympathisanten gewinnen.

Auch im westfälischen Unna hat man Voigt genau zugehört. Ende November sorgte erst ein massiertes Polizeiaufgebot dafür, dass eine antifaschistische Lesung stattfinden konnte. Kerstin Köditz, Linken-Landtagsabgeordnete in Sachsen, wollte aus ihrem Buch "Und morgen?" lesen, das die nachhaltigen Erfolge der NPD im Freistaat analysiert, sah sich aber 14 jungen Rechtsextremen gegenüber, die die Veranstaltung massiv störten.

Auch der schwäbische SPD-Mann Stephan Braun, der in diesem Jahr einen 670 Seiten starken Wälzer über die "Strategien der extremen Rechten" herausgegeben hat, ist schon lange ein rotes Tuch für die Rechten. Nachdem die Jusos im Wahlkampf eine CD auf Schulhöfen in seinem Wahlkreis verteilt hatten, verschenkte die JN eine eigene CD mit rechtsextremen Songs. Darauf prangte der Aufkleber: "Stephan Braun quälen - NPD wählen."

Innerhalb von drei Jahren die Mitgliederzahl verdoppelt

Mit der rechten Postille "Junge Freiheit" befasst sich Braun ebenfalls schon seit Jahren. In einem Sammelband wies er bereits vor zwei Jahren nach, dass das rechtsintellektuelle Blatt eine Scharnierfunktion zwischen dem rechten Rand des demokratischen Spektrums und rechtsradikalen Kreisen innehat. Neben militanten Abtreibungsgegnern und dem Republikaner-Vorsitzenden Rolf Schlierer äußerten sich in den vergangenen Monaten auch einige CDU-Politiker in der "JF". Die Motive sind dabei unterschiedlich. Manche geben Interviews, weil sie das Blatt noch innerhalb des demokratischen Spektrums verorten. Andere tun es offenbar aus Naivität. So gab sich Andreas Popp, stellvertretender Bundesvorsitzender der Piratenpartei, die Blöße, er habe die Zeitung nicht gekannt - im Netz recherchiert hatte er offenbar auch nicht.

Auch die Waiblinger CDU-Stadträtin Susanne Gruber gab der Postille ein Interview, in dem sie bereitwillig Sätze formulierte, die ähnlich klangen wie manches, was man in der "JF" seit deren Gründungstagen liest: "Ich sehe in unserer Gesellschaft zu wenig Bewusstsein für die Gefahren des Linksextremismus", sagt sie dort und kritisiert die Ausrichtung der Jugendkulturwoche "Bunt statt braun", die ausschließlich vor den Gefahren des Rechtsextremismus warne. Dabei sei der Linksextremismus genau so gefährlich. Linksextreme Gewalt, so die Kommunalpolitikerin, gebe es in ihrem Wahlkreis nicht. Die Linkspartei sei aber sehr erfolgreich.

Dass die Waiblinger Jugendkulturwoche sich mit dem richtigen Thema beschäftigt, zeigt ein Blick auf die Fakten. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich im Südwesten eine rechtsextremistische Szene etabliert, die immer ungenierter auftritt. Die "Jungen Nationaldemokraten" haben innerhalb von drei Jahren ihre Mitgliederzahl im Südwesten mehr als verdoppelt, mehr als jedes vierte JN-Mitglied wohnt derzeit in Baden-Württemberg.

NPD-Aussteiger - "Man singt gern das Horst-Wessel-Lied" open.png

Interview, erschienen am 25. Feb 2009, Spiegel-Online


Hitler-Gruß, SS-Bilder und Mauscheleien mit Quittungen: Uwe Luthardt war im Vorstand der Jenaer NPD. Nach nur drei Monaten in der Führungsspitze kehrte er der Partei angewidert den Rücken - jetzt erzählt er im Interview, was er dort erlebte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor kurzem aus der NPD ausgestiegen, leben aber noch exponiert in Ihrer Heimatstadt. Haben Sie keine Angst?
Luthardt: Mir wurde von meinem örtlichen Parteichef gedroht: Ein Vorstandsmitglied tritt nicht aus der Partei aus, er wird rausgeworfen oder verschwindet. Ich habe geantwortet, dass ich mehr über ihn weiß als er über mich. Seither ist Ruhe. Jemand, der einfach so aussteigt, bekommt im Normalfall mächtig Probleme, der wacht unter Umständen auf der Intensivstation auf.

SPIEGEL ONLINE: Aussteiger werden also bedroht?
Luthardt: Das kommt vor, ansonsten gäbe es noch weniger Mitglieder. Die Stimmung ist zurzeit nicht gut, man bekommt ja mit, dass der Partei an allen Ecken und Enden Geld fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an Ihren Parteifreunden gestört?
Luthardt: Das war alles nicht meine Welt. Wenn man zum Kameradschaftsabend kam, sah man als Erstes die ganzen Glatzen - mit der schwarzen Sonne oder anderen Nazi-Symbolen auf dem Arm. Die haben nur gesoffen und rumgepöbelt. Wenn kein Gegner da ist, prügelt man sich halt untereinander.

SPIEGEL ONLINE: An der Basis tobt also nicht gerade der Intellekt?
Luthardt: Viele in JN (Junge Nationaldemokraten - d. Red.) und Kameradschaften haben einen IQ im Bereich meiner Schuhgröße. Die meisten sind einfach gescheiterte Existenzen: Hilfsschüler, Leute, die die Schule oder die Lehre abgebrochen haben, Alkoholiker, die woanders keinen Fuß auf den Boden kriegen, Schläger. Es gibt aber in jedem Ortsverband drei bis fünf Mann, die nicht vorbestraft sind. Die werden dann zur Presse oder an die Infostände geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich ursprünglich von der Partei erhofft?
Luthardt: Ich wollte etwas für Deutschland tun, ein Großdeutschland interessiert mich nicht. Und plötzlich heißt es, wir holen uns Schlesien wieder, und dann kriegen die Kommunisten aber mal so richtig auf die Schnauze.

SPIEGEL ONLINE: Wie finanziert sich die Partei?
Luthardt: Unter anderem über die Musikveranstaltungen, die kosten ja beträchtlichen Eintritt. Und dann natürlich über das Fest der Völker, das brachte anno 2007 eine Einnahme von knapp 17.000 Euro.


SPIEGEL ONLINE: Wovon man die Gagen für die Bands abziehen muss.
Luthardt: Nein. In der Regel tut man gegenüber dem Ordnungsamt so, als bekämen sie eine Gage. In Wirklichkeit gibt es einen Unkostenbeitrag und eine Quittung über eine angeblich gezahlte Gage. Die wird dann aber wieder an die Partei zurückgespendet. Und die Spende kann dann wiederum die Partei von der Steuer absetzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum verzichten die Bands auf Geld, das ihnen zusteht?
Luthardt: Das sind Überzeugungstäter. Auch die Partei besteht aus Überzeugungstätern. Wenn ich eine Schulung hatte und nach Berlin musste, haben wir unsere Fahrtkosten erstattet gekriegt und haben sie unten dann wieder als Spende an die Partei abgeführt. Das gleiche Muster.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Spenden gewaschen - abgesehen von gefälschten Quittungen?
Luthardt: Nehmen wir die Spenden aus Südamerika …

SPIEGEL ONLINE: Spenden aus Südamerika?
Luthardt: Ja, das sind Zuwendungen von national gesinnten Deutschen, die schon etwas länger nicht mehr in Deutschland waren. Die spenden dann beispielsweise an irgendeinen mittelständischen Betrieb. Und die leiten den Betrag dann wiederum an die Partei weiter. (NPD-Chef - d. Red.) Voigts Hausmacht sind nicht zuletzt die Geldleute aus Südamerika - und eben Jürgen Rieger (sein Stellvertreter - d. Red.), der dorthin beste Kontakte hält.

SPIEGEL ONLINE: Gegenüber der Presse gerieren sich NPD-Funktionäre als rechtslastige Demokraten, verfassungsfeindliche Äußerungen versucht man zu vermeiden. Wie radikal ist die Partei wirklich?
Luthardt: Ziel ist die Wiedereinsetzung des Reichs, in dem sich eine neue SA an den Andersdenkenden rächt.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für den gemäßigten Flügel?
Luthardt: Einen gemäßigten Flügel gibt es nicht, die paar Versprengten haben nichts zu sagen. Die Medienschulungen in der Parteizentrale sind schon sehr effektiv. Die Kader wissen, wie sie sich verkaufen müssen. Das fängt bei der Anordnung an, sich mit Außenstehenden nur in unverfänglichen Räumen zu treffen. Das gilt für alle, außer für den Vorsitzenden. Da ist es gewollt, dass er vor massivem Schreibtisch und Parteifahnen in der Parteizentrale posiert. Die Jenaer Parteizentrale heißt jedenfalls nicht von ungefähr "Braunes Haus". Journalisten waren da noch nie drin.

SPIEGEL ONLINE: Was würden die dort sehen?
Luthardt: Im Keller jede Menge SS-Bilder. Es gibt auch einen Raum mit Waffen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist die Behauptung, in der NPD sei das "Dritte Reich" kein Thema, eine Schutzbehauptung.
Luthardt: Reine Taktik. Man will so die Leute ködern, die noch nicht verstanden haben, dass die Partei nicht rechtsradikal, sondern noch radikaler ist. Es geht darum, in der Öffentlichkeit respektabel aufzutreten. Deswegen hat die Parteiführung auch Mitglieder mit einer ganz normalen Frisur und ganz normaler Kleidung am liebsten. Die kann man an die Infostände lassen.

SPIEGEL ONLINE: Besteht denn dann nicht die Gefahr, dass man die neonazistischen Aktivisten verprellt, wenn man sich allzu bürgerlich geriert?
Luthardt: Nein, denn es wissen ja alle, dass das reine Taktik ist. Die Flugblätter, die Plakate, das Aufspringen auf den Hartz-IV-Zug - da steckt nichts dahinter. Was man statt Hartz IV machen will, weiß keiner. Wir schmeißen die Ausländer raus, dann haben die Deutschen wieder Arbeit, das ist die Quintessenz der Konzepte, von denen die NPD spricht. Von den Güterzügen spricht sie nur, wenn kein Außenstehender zuhört.

SPIEGEL ONLINE: Von den Güterzügen aus dem "Dritten Reich"?
Luthardt: Von denen, in die man die politischen Gegner, die Juden und die Ausländer stecken will, wenn man mal die Mehrheit im Land hat. Intern wird Tacheles geredet, man singt auch gerne das Horst-Wessel-Lied. Kein Wunder, dass die Kameradschaften gerne akzeptieren, wenn der Wolf ein bisschen Kreide frisst.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis zu den Kameradschaften ist dennoch nicht immer konfliktfrei.
Luthardt: Absolut nicht. Die Freien Nationalisten lassen sich nicht gerne was vorschreiben und sind skeptisch gegenüber Parteien. Trotzdem lassen sich die meisten von der NPD benutzen. Das sind die nützlichen Idioten der Partei, vergleichbar mit der Rolle, die die SA für die NSDAP hatte. Ich sage denen auch immer: Schaut euch nur die Geschichte der SA an. Genauso wird es euch gehen, wenn die an der Macht sind.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie gemerkt, dass die interne Kommunikation der Partei sich so von der Außendarstellung unterscheidet?
Luthardt: Sehr schnell, nachdem ich im Vorstand war. Das ist ja auch nicht schwer, wenn man sieht, dass Leute sich mit gestrecktem Arm begrüßen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es denn, dass sich die Aktivisten in der Öffentlichkeit solche verfassungsfeindlichen Aktionen verkneifen?
Luthardt: Das Fußvolk hat strikte Order, auf gar keinen Fall mit der Presse zu sprechen. Es passiert auch ziemlich selten, dass sich einer verquatscht. Wenn doch, wird der sehr schnell eingeordert. Die Funktionäre haben alle entsprechende Schulungen hinter sich.

SPIEGEL ONLINE: In denen wird öffentliches Auftreten trainiert?
Luthardt: Das ist einer der Schwerpunkte. Es gibt interne Papiere, aus denen deutlich hervorgeht, wie sich jeder zu verhalten hat. Besonders heikel ist natürlich das "Dritte Reich". Also trainiert man Antworten auf Fragen wie "Was sagen Sie zum Holocaust?" Der erste Satz muss reichen, bei Nachfragen verstrickt man sich nur unnötig in Widersprüche.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie die Schulungen überzeugend?
Luthardt: Wenn man eher zum gemäßigten Lager gehört, ist das ein Schock. Da überlegt man sich schon, ob man in der Partei richtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Wer leitet diese Schulungen?
Luthardt: Thomas Salomon. Und der ist hundertprozentig von dem überzeugt, was er da erzählt. Der ist einer der Vordenker, zusammen mit Jürgen Gansel und Holger Apfel aus Sachsen.

SPIEGEL ONLINE: Von welcher Politik träumen die Herren?
Luthardt: Vom Deutschen Reich. Die sind vollauf davon überzeugt, dass sie irgendwann mal eine Wahl gewinnen und dass es dann richtig losgeht. Was dann passiert, kann sich jeder denken.

Die Fragen stellte Christoph Ruf

Aus: Christoph Ruf/Olaf Sundermeyer:
"In der NPD - Reisen in die National Befreite Zone"
Beck'sche Reihe, 2009, 229 Seiten, 12,95 Euro

Porträt des NPD-Funktionärs Holger Apfel: Es geht um ein gepflegtes Äußeres open.png

für NPD-Blog, erschienen am 21. Feb 2009, NPD-BLOG.INFO


Holger Apfel hat Sachsen in jahrelanger geduldiger Kleinarbeit zum Musterlandesverband der NPD ausgebaut. Er hat noch viel vor. Ein Porträt des vielleicht einflussreichsten Mannes in der NPD.

Als die Mauer fiel, dauerte es nur etwas über eine Stunde, bis Holger Apfel in der DDR war. Kaum hatte er von der Nachricht gehört, dass ein gewisser Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet hatte, setzte sich Apfel in sein Auto und fuhr über die Grenze nach Nordhausen im sachsen-anhaltinischen Teil des Harzes. Während viele seiner Altersgenossen noch diskutierten, ob die sich bald darauf anbahnende Wiedervereinigung zu einem Aufflammen des deutschen Nationalismus führen werde, hoffte der 18-jährige Apfel genau darauf. Kurz darauf stand er mit Gesinnungsgenossen in Leipzig und versuchte, die politische Dynamik der Montagsdemonstrationen in seinem Sinne zu steuern. “Wir sind ein Volk!” Das klang in seinen Ohren schon mal nicht schlecht.

Als sich herausstellte, dass sich der erste Furor der Ostdeutschen, die er schon damals “Mitteldeutsche” nannte, mit der Einführung der D-Mark schnell wieder legen würde, muss Apfel gemerkt haben, dass er noch viel Geduld brauchen würde. Als die Mauer fiel, war Holger Apfel bereits seit einiger Zeit Funktionär des Parteinachwuchses “Junge Nationaldemokraten”. Geduld hat er in all den Jahren gelernt.

“Keimzelle der nationalen Erneuerung”

Apfel ist heute Fraktionsvorsitzender der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, die sich 2004 nach dem überraschend hohen Ergebnis von 9,2 Prozent der abgegebenen Stimmen konstituierte. Damit erreichten die Rechtsextremen fast so viele Stimmen wie die SPD (9,8 Prozent) und ließen FDP und Grüne klar hinter sich. Karl Richter, der nach dem Wahlerfolg in Sachsen dort eine Stelle als parlamentarischer Mitarbeiter antrat und heute für eine NPD-Tarnliste im Münchner Stadtrat sitzt, sah die Dresdner Wahl als “Keimzelle der nationalen Erneuerung”.

Die Zelle begann jedoch schon deutlich früher zu keimen – bereits kurz nach der Wende fanden die Westkader der Partei in Sachsen funktionierende Strukturen vor. Unter anderem hatte man in dem Fahrlehrer Uwe Leichsenring, dem 2006 verstorbenen späteren Landtagsabgeordneten aus der Sächsischen Schweiz, einen Gewährsmann, der das Terrain schon unter dem SED-Regime beackert hatte. Bereits 1999, als die NPD noch marginalisiert war, erzielte sie in Sachsen beachtliche 1,4 Prozent.

Von der Öffentlichkeit ignoriert

Damals hatte die Partei längst informelle Strukturen geschaffen, die gesellschaftliche Realitäten prägten, aber von der parlamentsfixierten bundesrepublikanischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden. Der NPD-Aussteiger Jan Zobel, von 1993 bis 1997 als Hamburger JN-Landesvorsitzender und Pressesprecher der Bundespartei ein enger Weggefährte Apfels, fasst die Gemengelage in Sachsen folgendermaßen zusammen: “Im ‘Dienst an der Volksgemeinschaft’ organisieren die Nationaldemokraten Gesangskreise junger Kameraden in Altersheimen, pflanzen in tristen Plattenbausiedlungen Bäume, laden zu Schifffahrten auf der Elbe und Jugendliche zu Zeltlagern ein. Die NPD und ihre Jugendorganisation JN veranstalten Kinderfeste und bringen Schülerzeitungen auf den Weg, junge Mitglieder begleiten Kinder alleinerziehender Mütter zum Kindergarten und helfen bei den Hausarbeiten.”

Dass die sächsische Landesregierung jahrelang das Problem abstritt, hat den stetigen Aufbau einer Parallelgesellschaft ebenfalls gefördert – zusätzlich zu einer Situation, die längst nicht nur auf die ostdeutschen Bundesländer zutrifft. Zobel analysiert treffend: “Die Bundesrepublik unternimmt alles, dass dieser Personenkreis unablässig wächst. Wirtschaftlicher Niedergang und fehlende Perspektiven, Sozialabbau und Selbstbedienungsmentalität forcieren nicht nur Verdrossenheit und Verweigerung bundesweit. Sie häufen politischen Sprengstoff an, dessen glimmende Lunte NPD heißt.”

“Stachel im Fleisch der Etablierten”

Der Niedersachse Holger Apfel würde da vielleicht gar nicht einmal widersprechen, die Metapher von der Lunte und dem Pulverfass gefällt NPD-Kadern, die sich nur allzu gerne als Stachel im Fleisch der Etablierten stilisieren und sich bestätigt fühlen, wenn die laut aufschreien.

Im Jahr 1988, als 17-Jähriger, trat Apfel den Jungen Nationaldemokraten bei. “Die Überfremdung” sei bereits damals “weit vorangeschritten” gewesen, sagt Apfel der Politiker. Das habe er “in der Schule, im kleinen lokalen Fußballverein” gemerkt. Das passt aber bestens zur Legendenbildung einer Partei, bei der so gut wie alle Spitzenfunktionäre merkwürdig abstrakt davon berichten, wie sie als Heranwachsende in einem von Ausländern dominierten Land geradezu unausweichlich auf den rechten Weg kamen. Bei Apfel ist eine andere Prägung wahrscheinlicher: Schon bevor er in die JN eintrat, agierte er, der Sohn von Vertriebenen, im NPD-nahen “Studentenbund Schlesien”. Dort sprach man schon immer ganz selbstverständlich von der DDR als “Mitteldeutschland” – so wie es alle NPD-Aktivisten noch heute tun, um die Formulierung Ostdeutschland zu ignorieren. Mit Revanchismus habe das nichts zu tun, sagt Apfel, “ich habe nie mit verklärten Augen Landserhefte gelesen”.

Von Horst Mahler, der bis zu seinem Parteiaustritt 2003 der wohl wahnsinnigste Antisemit in dieser notorisch antisemitischen Partei war, distanziert sich Apfel für seine Verhältnisse überdeutlich: “Böse Zungen fragen sich ja, ob das Verbotsverfahren wegen dieses Anwalts und seiner Verfahrensstrategie zur Einstellung gekommen ist oder trotz ihm.” Inhaltlich gibt auch Apfel, der am 14. Februar in Dresden die Freilassung des Holocaustleugners Ernst Zündel forderte, zu erkennen, dass er die historisch dokumentierten Tatsachen rund um den Holocaust anzweifelt. Er hält nur die Thematisierung des Ganzen für falsch. Im Gegensatz zu Mahler und dessen jüngeren Gesinnungsgenossen in der Partei will sich Apfel – in der Außenkommunikation – nur noch mit Themen beschäftigen, mit denen man Wahlen gewinnt.

Kinderzimmer als Parteibüro

Mit 19 Jahren war Apfel bereits JN-Landesvorsitzender, von 1994 bis 1998 war er JN-Chef, seitdem er 21 ist, sitzt er im NPD-Bundesvorstand. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Jugendorganisation damals nur etwa 150 Mitglieder hatte, ist solch ein schneller Aufstieg etwas Außergewöhnliches. Doch Holger Apfel legt bereits damals ein enormes Arbeitspensum an den Tag. Auch in den Jahren, in denen er als Anzeigenberater einer örtlichen Tageszeitung arbeitete: “Ich war schon immer tagsüber voller Vorfreude auf die politische Arbeit nach Feierabend. Seit vielen Jahren ist das der Mittelpunkt meines Lebens.”

Diese Aussage wiederum ist völlig deckungsgleich mit dem, was politische Weggefährten über Apfel berichten. “Sein Kinderzimmer ist sein Parteibüro. Es hängt voller Plakate. Im Bücherregal stehen Publikationen der NPD und Alben. In denen hat Holger Aufkleber der Partei und der JN gesammelt. Er zeigt sie mir mit sichtlichem Stolz. Es gibt im Raum nichts Persönliches, was auf ihn verweist. Vielleicht fällt es ihm auch deshalb so leicht, in den folgenden Jahren wiederholt den Wohnsitz zu wechseln.”

Nach der Machtübernahme durch Voigt soll sich Apfel zunächst um die Parteizeitung “Deutsche Stimme” kümmern. Sein Auftrag ist es, aus dem damaligen “Wurstblatt mit gerade einmal 100 Abonnenten außerhalb der Mitglieder” eine Informations- und Kommunikationsplattform für die ganze Szene zu machen. Mit diesem Mandat beginnt das unstete Leben, das Zobel skizziert. Mit den Redaktionsräumen der DS zieht Apfel zunächst nach Stuttgart, dann nach Wangen an der Donau, schließlich ins sächsische Riesa, wo die Partei NPD 2000 in den Besitz einer repräsentativen Immobilie kam.

Bruch mit Udo Voigt

Apfel steigt parteiintern weiter rasant auf – als Lehrgangsbester einer vom Parteivorsitzenden Udo Voigt durchgeführten Kaderschulung bleibt er Voigt offenbar nachhaltig in Erinnerung. Apfel wird bis weit ins Jahr 2008 von Voigt protegiert, dafür hält der ihm innerparteilich den Rücken frei. Als Apfel, der offenbar nach der Spendenaffäre um die Stabilität der Partei fürchtete, die (inzwischen zurückgezogene) Kandidatur von Voigts Gegenkandidaten Andreas Molau unterstützte, war der Bruch der einstigen Männerfreundschaft für alle offensichtlich. Wer Udo Voigt in Dresden erlebte, sah einen Mann, der Apfel dieses taktische Manöver nie verzeihen wird.

Mit strategischem Weitblick modellierte Apfel die JN um, aus einer unorganisierten Ansammlung von meist aus dem Skinhead-Milieu stammenden wütenden jungen Männern wurde eine ideologisch geschulte Kaderorganisation. Weniger radikal ist die JN indes sicher nicht geworden, und auch Holger Apfel trat immer wieder als Redner bei Versammlungen offen neonazistischer Prägung in Erscheinung. Dass es in der Partei viele Funktionäre gibt, die diesen Apfel, der tatsächlich innerparteilicher Gegenspieler des NS-Enthusiasten Jürgen Rieger ist, für einen “Weichspüler” halten, spricht Bände über die Radikalität dieser Partei.

Es geht um ein gepflegtes Äußeres

Apfel modernisierte das Auftreten der Partei und ihrer Zeitung, er forderte von seinen Aktivisten ein manierliches Auftreten bei öffentlichkeitswirksamen Terminen. All das, ohne die Programmatik der NPD auch nur um einen Deut in Richtung des bürgerlichen Spektrums zu verschieben. Es geht um ein gepflegtes Äußeres und ein moderates Auftreten. Nicht um ein moderates Programm. Gäbe sich die Partei inhaltlich moderater, würde sie weite Teile ihres Fußvolkes verprellen, gelingt ihr kein halbwegs seriöses Auftreten, braucht sie die Wahlkampfstände erst gar nicht aufzubauen.

Die Landtagsfraktion in Sachsen ist nicht nur aus strategischen Gründen so wichtig. Vor dem Hintergrund der knappen Parteikassen nimmt man die Segnungen des Parlamentarismus liebend gerne mit. Die Fraktion erhält pro Jahr etwa 1,2 Millionen Euro. Die Nahziele sind klar definiert, und abermals hat Sachsen eine Vorreiterrolle: Am 30. August 2009 soll dort der Wiedereinzug in den Landtag gelingen, das wäre der endgültige Beweis für die angestrebte nachhaltige Verankerung. In Thüringen ist daraufhin der nächste Einzug in einen ostdeutschen Landtag, im Saarland der erste Einzug in einen westdeutschen Landtag seit den Siebzigerjahren vorgesehen. Irgendwann will man im Bundestag sein.

“Geduld haben”

“Wir müssen Geduld haben”, sagt Apfel. In Frankfurt, München, Nürnberg und Kiel stelle man seit Kurzem Stadträte. Und irgendwann werde sich auch die Linkspartei entzaubert haben. Wer gegen die herrschende Politik sei, komme dann über kurz oder lang nicht mehr an der NPD vorbei. Schon 2014 könnte man eine wahrhaft gesamtdeutsche Partei sein, sagt er. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis das Jahr 2014 geschrieben wird. Gemessen an dem Zeitraum, in dem der 37-jährige Holger Apfel Politik macht, sind fünf oder sechs Jahre jedoch ein sehr überschaubarer Zeitrahmen.

… wenn in Bernburg Nazis rumrennen open.png

Reportage aus der Bundeszentrale der NPD-Nachwuchsorganisation JN, erschienen am 4. Feb 2008, GEW, Schwerpunkt Rechtsextremismus


Bernburg ist eine umkämpfte Stadt. Das verrät bereits der Blick auf die Laternenmasten der Stadt: „Revolutionär, sozialistisch, aktivistisch“, heißt es auf Aufklebern, die die JN geklebt hat. Ein anderer JN-Sticker lautet: „Heute schon im Kampf für die Idee von morgen.“ Dass sich die Idee von Morgen zum großen Teil aus Ideen von Gestern speist, wird ebenfalls auf zahlreichen Masten behauptet: „Nazis raus aus den Köpfen“, fordert die Linkspartei. Oder gleich „NPD verbieten“. Am nächsten Tag wird ein hochrangiger JN-Funktionär behaupten, Bernburg sei eine „National befreite Zone“, in der seine Partei ungehindert agitieren könne. Nicht nur die Laternenmasten der Stadt belegen das Gegenteil.

„Nationaler Stützpunkt“

Karl-Heinz Schmidt ist Sprecher des „Bernburger Bündnisses für Demokratie und Toleranz“. Die Weihnachtstage waren anstrengend für den Pfarrer der Martinsgemeinde. An der Wand des Pfarrraums lehnt noch die Gitarre, Pfeifenrauch durchzieht die Luft.

Kurz nachdem die JN im Oktober 2006 ihren regionalen „Stützpunkt“ nach Bernburg gelegt haben, gründete sich das Bürgerbündnis. Doch noch ist man in der Findungsphase, im Frühjahr sollen erste öffentlichkeitswirksame Aktionen stattfinden. Seit November 2007 haben die JN nun auch noch ihre Bundeszentrale in die zwischen Halle und Dessau gelegene Kreisstadt verlegt. Schmidt war damals überrascht, dass sich die Rechten Bernburg als Basis ausgesucht haben. In den Nachbargemeinden Staßfurt und Köthen sei die rechte Szene jedenfalls deutlich stärker, sagt er. Nun will das Bündnis verhindern, dass sich die Rechten in der Stadt produzieren. „Hier investiert doch keiner, wenn es heißt, in Bernburg rennen Nazis rum.“

Der Ausländeranteil in dem neu gegründeten Salzlandkreis, zu dem Bernburg zählt, liegt bei 1,4 Prozent – „inklusive der angeheirateten Amerikanerin und dem Mann aus der Dönerbude“. Mit den Schülerinnen und Schülern aller vierten Klassen des Ortes haben die Leute vom Bündnis eine „kulinarische Reise durch die Welt“ unternommen. Wer andere Kulturen kennt, sei weniger anfällig für Demagogen, hofft Schmidt.

85 Prozent der Bernburger, schätzt der Pastor, hätten überhaupt noch nicht mitbekommen, wer sich unten am Marktplatz eingenistet hat, öffentlich hielten sich die Aktivisten zurück. Was die NPD genau im Schilde führt, weiß auch Schmidt nicht. Aber er will es jetzt erfahren. „Was sind die Themen der NPD und wie gehen wir damit um?“ So lautet der Titel eines Referats auf der nächsten Sitzung des Komitees. Auch eine Telefonkette ist bereits ins Leben gerufen. Für den Fall, dass es erneut zu einem rechten Übergriff kommt, will man vorbereitet sein. Im Oktober ist ein Rentner von Rechten zusammengeschlagen worden. Er hatte sich geweigert, ihnen eine Zigarette zu geben. „Ich will im Sommer im Garten liegen und in Ruhe mein Bier trinken. Deswegen mache ich das doch alles nur“, sagt Schmidt.

Zahlreiche Propagandadelikte

Es dauert eine Weile, bis Eckehard Peters zum verabredeten Gesprächstermin hereinbittet. Peters ist erst seit ein paar Wochen Dienststellenleiter der Bernburger Polizei, da gibt es viel Organisatorisches zu klären. Er war vorher in Wernigerode im Harz, einer echten Hochburg der Rechten. Doch auch hier in Bernburg „herrscht nicht eitel Sonnenschein“. Zahlreiche Propagandadelikte habe die Polizei anno 2007 registriert, aber auch Fälle von Körperverletzung. Die genauen Zahlen werden derzeit zusammengestellt. Zwei Arten von Rechten müsse man unterscheiden, sagt er, die „Sternburg-Fraktion“, wie er unter Hinweis auf eine beliebte Billig-Bier-Marke sagt: sozial deklassierte Bürger mit Hang zur Gewalt. Auf der anderen Seite die intellektuelleren Leute um Philipp Valenta, stellvertretender JN-Landesvorsitzender. Bei Aufmärschen und Demonstrationen trete man allerdings gemeinsam auf. Peters hat sich für die nächsten Wochen vorgenommen, die präventive Arbeit gegen Rechts zu intensivieren. Vor allem in gefährdeten Wohngebieten.

Merkmale nicht erkannt

In einem solchen, dem Neubaugebiet „Südost“, wohnen weniger betuchte Bernburger. Die Arbeitslosenquote liegt über dem Durchschnitt von etwa 20 Prozent (2006). Ein Problemgebiet stellt man sich dennoch anders vor: Die Straßen und die Kleingartenkolonie sind gepflegt, es gibt ein Stadtteilhaus und diverse Institutionen, die sich um Jugendliche kümmern. Wer sich im Viertel umhört, erfährt, dass die Rechten dort in den vergangenen Monaten verstärkt Propagandamaterial verteilt haben.

Hier, mitten in Südost, liegt auch die Sekundarschule mit dem überraschenden Namen „Sekundarschule Südost“. Schuldirektorin Angret Zahradnik, eine dynamische, freundliche Frau, empfängt den Gast in ihrem funktionalen Arbeitszimmer. Man müsse sich den Problemen stellen, sagt sie, sie nicht unter den Tisch kehren. Rechte Schüler seien ihr an ihrer Schule aber nicht aufgefallen. Nur ein Sechstklässler habe einmal ein Hakenkreuz auf dem Federmäppchen gehabt, dieses aber bereitwillig entfernt, als sie ihn darum gebeten habe. Ute Hoffmann, Leiterin der NS-Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“, wird später behaupten, in fast jeder Schulklasse, die sie durch die Gedenkstätte führte, gebe es zwischen einem und drei rechte Schüler. Sie sei jedoch immer wieder überrascht, dass nur wenige Lehrer die einschlägigen Merkmale erkennen.

„Wotanskrieger“, „Tätervolk“

Ein dünner Schneefilm hat sich über das Kopfsteinpflaster in der Bernburger Altstadt gelegt, die Einkaufsstraße, die noch am Vorabend wie ausgestorben wirkte, ist am nächsten Morgen gut besucht. Das hübsche Gebäude am Alten Markt 28 beherbergt neben der JN-Bundesgeschäftsstelle den Plattenladen „Nordic Flame“. Betreiber Steffen B., der gleichzeitig Inhaber des Mailorders „Odins Eye“ ist, gilt in der Region als notorischer Neonazi. Die Bands, deren CDs hier im Regal stehen, heißen „Wotanskrieger“ oder „White Warriors“, die Albumtitel „Auftrag Deutsches Reich“ oder „Tätervolk“. Selbstredend gibt es hier das komplette Sortiment an den bei Jugendlichen zunehmend beliebten „Thor Stainar“-Klamotten, einer aus der Szene stammenden Modemarke, deren Geschäftsführer Uwe Meusel nach außen hin gerne betont, er „mache Kleidung, keine Politik“. Das komplette untere Geschoss ist von außen mit Spanholzplatten verrammelt. Noch am Abend zuvor waren sowohl der Laden als auch die JN-Lokalität geschlossen, nun ist die Tür angelehnt. Nach dem Eintreten fällt der Blick zunächst auf einen Wehrmachtshelm, dahinter stapelweise CDs und Fahnen. Zwei Jugendliche, höchstens 16 Jahre alt, haben offenbar genug gesehen. Wie sie in einer Mischung aus Stolz und schüchterner Verschämtheit durch den Laden streifen, wirken sie, als hätten sie gerade zum erstenmal einen Sexshop betreten.

Auch die Tür links vor dem Laden steht halb offen. Eintritt. Ein billiges Regal vollgestopft mit Kartons. Ansonsten ist der etwa 35 Quadratmeter große Raum leer, sieht man einmal davon ab, dass Bierbänke eng aneinandergereiht sind. Das also soll die Kaderschmiede des NPD-Nachwuchses sein?

NPD-Funktionäre neuen Typs

Plötzlich ertönt eine Stimme von hinten. „Waren wir verabredet?“ Die Stimme gehört Philipp Valenta, seines Zeichens Landesgeschäftsführer und stellvertretender JN-Vorsitzender in Sachsen-Anhalt, außerdem seit 2007 Mitglied des Kreistages im Salzlandkreis. 3,0 Prozent bekam die NPD damals kreisweit. Valenta gilt als NPD-Funktionär neuen Typs: tadellose Umgangsformen, rhetorisch auf der Höhe, sicheres Auftreten. Weniger radikal ist Valenta deshalb aber noch lange nicht. Er hat es geschafft, die rechtsextreme Kameradschaftsszene, die lose organisierten neonazistischen Aktivistenverbände der Rechtsextremen hinter sich zu scharen. Auf der JN- Homepage lässt er Klartext reden: „Aus unserer Sicht kann eine Teilhabe an der Macht (…) solange nicht in Betracht gezogen werden, solange die herrschende Klasse nicht entmachtet und die sie tragende Ideologie nicht ein für alle mal endgelagert ist.“ Valenta ist auch der Mann, dem Bernburg die Bundeszentrale zu verdanken hat. Der geborene Trierer – ein Westimport wie so viele der jüngeren NPD-Kader im Osten – studiert an der örtlichen Hochschule Volkswirtschaftslehre. Einer seiner Professoren habe ihm kürzlich gesagt, er werde „in diesem Staat nie eine Arbeit finden“. Valenta, dessen Organisation Kampfansagen wie auf der Website an den Staat richtet, hält das für ungerecht: „Wenn ein junger Mensch so etwas hört, verliert er jede Bindung zum Staat.“ Dann bietet er erst mal Mineralwasser an. „Das Bild, das der politische Gegner von uns zeichnet, hat mit der Wahrheit nichts zu tun“, sagt er dabei und gießt in einen Einweg-Plastikbecher ein, „sonst würde ich hier mit Glatze und Springerstiefeln vor Ihnen sitzen.“ NPD-Funktionäre neuen Typs

Plötzlich ertönt eine Stimme von hinten. „Waren wir verabredet?“ Die Stimme gehört Philipp Valenta, seines Zeichens Landesgeschäftsführer und stellvertretender JN-Vorsitzender in Sachsen-Anhalt, außerdem seit 2007 Mitglied des Kreistages im Salzlandkreis. 3,0 Prozent bekam die NPD damals kreisweit. Valenta gilt als NPD-Funktionär neuen Typs: tadellose Umgangsformen, rhetorisch auf der Höhe, sicheres Auftreten. Weniger radikal ist Valenta deshalb aber noch lange nicht. Er hat es geschafft, die rechtsextreme Kameradschaftsszene, die lose organisierten neonazistischen Aktivistenverbände der Rechtsextremen hinter sich zu scharen. Auf der JN- Homepage lässt er Klartext reden: „Aus unserer Sicht kann eine Teilhabe an der Macht (…) solange nicht in Betracht gezogen werden, solange die herrschende Klasse nicht entmachtet und die sie tragende Ideologie nicht ein für alle mal endgelagert ist.“ Valenta ist auch der Mann, dem Bernburg die Bundeszentrale zu verdanken hat. Der geborene Trierer – ein Westimport wie so viele der jüngeren NPD-Kader im Osten – studiert an der örtlichen Hochschule Volkswirtschaftslehre. Einer seiner Professoren habe ihm kürzlich gesagt, er werde „in diesem Staat nie eine Arbeit finden“. Valenta, dessen Organisation Kampfansagen wie auf der Website an den Staat richtet, hält das für ungerecht: „Wenn ein junger Mensch so etwas hört, verliert er jede Bindung zum Staat.“ Dann bietet er erst mal Mineralwasser an. „Das Bild, das der politische Gegner von uns zeichnet, hat mit der Wahrheit nichts zu tun“, sagt er dabei und gießt in einen Einweg-Plastikbecher ein, „sonst würde ich hier mit Glatze und Springerstiefeln vor Ihnen sitzen.“

Soziale Themen sind Trumpf

Valenta hat weder eine Glatze noch trägt er Springerstiefel. Auch das, was er sagt, ist auf Respektabilität bedacht. Über das Dritte Reich möchte er am liebsten überhaupt nicht reden. Das interessiere in seiner Partei niemanden, sagt er. Distanzieren will er sich aber auch nicht. Man dürfe den „Nationalsozialismus nicht auf die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 reduzieren“, sagt er schließlich. Ein interpretationsbedürftiger Satz. Doch Valenta mauert beim Nachfragen weiter. Zum Holocaust wolle er sich nicht äußern. Und Israel interessiere ihn nicht besonders. Dann fällt ihm ein Ausweg ein: Viele glaubten, seine Partei verdanke ihre Wahlerfolge „dem Ausländerthema“. Doch, so Valenta: „Unser Trumpf sind eindeutig die sozialen Themen.“ Falsch ist das nicht. Aber keine Antwort.

Aggressor zum Opfer machen

Kennt er die Schläger, die den Bernburger Rentner malträtiert haben? Valenta bezweifelt, dass die Täter überhaupt Rechte gewesen seien: „Wir achten peinlichst darauf, dass so etwas nicht passiert, wir würden uns damit nur selbst schaden.“ Natürlich weiß auch Valenta, was unter einer „National befreiten Zone“ zu verstehen ist, die die JN – ein weiterer Aufkleber – „erkämpfen“ wolle. Nämlich ein Gebiet, in dem Menschen, die der NPD als Feindbild dienen (Linke, Punks, Hip-Hopper, Homosexuelle) sich so unwohl fühlten, dass sie sich nicht mehr auf die Straße trauen. Auf diese Definition angesprochen, lächelt Valenta. Seine Mimik soll Unverständnis darstellen. „Ich will hier doch keinem persönlich zu nahe kommen oder irgendjemanden bedrängen.“ Natürlich nicht. In einer „National befreiten Zone“, so Valenta, werde seine Partei nicht mehr diskriminiert, „man wird nicht aus Versammlungen rausgeschmissen, der Laden kann in Ruhe seine Sachen verkaufen. So wie hier in Bernburg“.

Das Dritte Reich umschiffen, auf konkrete Fragen abstrakt antworten. Den Aggressor zum Opfer machen. Diese Techniken beherrscht Valenta aus dem Effeff. Es gibt eine 31-seitige Richtlinie für „Kandidatinnen und Kandidaten“, in der detailliert dargelegt wird, auf welche Frage in der Öffentlichkeit wie zu antworten sei. Wer mit Valenta spricht, vermutet sofort, dass die Argumentationshilfe von ihm mitformuliert wurde. Auswendig kennt er sie offenbar allemal. Kein Wunder, schließlich hat Valenta die Schulung der JN-Kader übernommen. Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt rief bereits zu Beginn seiner Amtszeit 1997 das „Dreisäulen-Modell“ aus: Der „Kampf um die Parlamente“, der „Kampf um die Straße“ und der „Kampf um die Köpfe“ müssten parallel geführt werden. Valenta ist einer, der sich um die Köpfe kümmert. Oder, wie er sagt, die „Herausbildung der künftigen Parteielite“ vorantreibt. Der spartanische JN-Stützpunkt ist dafür bestens geeignet.

Als Valenta dem Besucher noch die druckfrische Ausgabe der von ihm mitproduzierten Schülerzeitung in die Hand drückt, fällt der Blick auf ein Büchlein mit der Rede von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus in Deutschland. Die Rede gilt in der deutschen Nachkriegsgeschichte als epochal, da von Weizsäcker von einem „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ sprach. Die JN sehen das offenbar anders. Der Einband des Büchleins ist voller Brandflecken.